Am Ende der Seiten, am Anfang der Geschichte: Fünf aktuelle Popkultur-Bücher, die man gelesen haben sollte

Seitenweise Denkanstöße: Fünf Besprechungen empfehlenswerter, weil zeitgeistiger und streitbarer Titel aus dem aktuellen Popkultur-Kosmos – in willkürlicher und wertfreier Zusammenstellung.

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#1 Der Circle

Dave Eggers

Zuletzt sind unter anderem St. Vincent, EMA, die Fernsehserie Black Mirror und Spike Jonzes Her der Frage nachgegangen, was die überwältigende Technologisierung ihres Alltags mit einer Gesellschaft machen kann. Alle kamen zu ähnlichen Ergebnissen: Das Jahr 2025 ist aus Science-Fiction-Sicht viel interessanter als 2525, und das Problem ist nicht die Technik selbst, sondern ihre sinnvolle Nutzung – der immer atemlosere Umgang mit immer geileren Sachen, die sich der Mensch selbst aufzuzwingen scheint.

Dave Eggers hat letztes Jahr das Buch dazu geschrieben, nun liegt es auf Deutsch vor. Der Circle ist eine Silicon-Valley-Satire über den zweiten Job einer jungen Frau, die in der trouble-shooting-Sparte des Großkonzerns aus dem Romantitel landet. Für diesen Konzern schmeißt Eggers Google, Facebook, Twitter, Paypal, die Keynote-Auftritte von Steve Jobs und eine Firmenphilosophie des teilhabenden Totalitarismus zusammen. Ständig werden die überwiegend auf dem Konzerncampus beheimateten Mitarbeiter ermutigt, die Circle-eigenen Veranstaltungen zu besuchen und zu dokumentieren. Als die gutmenschlich getarnten Allmachtsphantasien des Vorstands offensichtlich werden, regt sich Widerstand von innen.

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Eggers musste sich nicht viel ausdenken: Der Weg, den er für den technologisierten Teil der Welt zu Ende denkt, ist in der Realität längst angelegt. Einige seiner Ideen haben sich bereits im Jahr seit der Erstveröffentlichung von Der Circle verwirklicht. In der gehetzten Runtererzählung des Romans finden Form und Inhalt zueinander. Eggers treibt einen durch die Seiten, prügelt Ideen mit der Brechstange nach Hause und stellt die Bedeutung einiger Geschehnisse über ihre Plausibilität. Das liest sich dann wild – und passt zur Circle-Belegschaft, die einem als überstimulierte Lemming-Herde größere Angst einjagt als die Zombies aus allen George-A.-Romero-Filmen zusammen.

TEXT: Daniel Gerhardt

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#2 Planet Magnon

Leif Randt

Wer ist das mysteriöse Mädchen mit der Tigermaske? Und warum will das Kollektiv der Hanks die Ordnung der Dinge umwerfen? In der post-apokalyptischen Welt, die Leif Randts neuer Roman vorstellt, sind stabile Paarbeziehungen verpönt. Die Gesellschaft ist zerfallen in kastenartig gegliederte Sekten mit eigentümlichen Namen, die allerdings mit ihren infantilen Ritualen und kodierten Gruppendefinition nach Kleidungsstilen oder Redeweisen nicht wenig an die fraternities von US-Unis erinnern. Die (vermeintlich nur) schöne neue Welt von Planet Magnon ist quasi eine interstellare Fortsetzung der extraterritorialen Glücks-Enklave Coby County aus Randts letztem, zu recht vielgelobtem Roman.

randt

Auch in seiner neuen Zukunftsvision ist man glücklich, weil man sich einredet, es zu sein. Allfällige Zweifel werden beseitigt durch entgiftende Selbstreinigung, Meditationsübungen und die kalkulierte Einnahme der synthetischen Droge Magnon. Klingt durchaus vertraut, oder? Gegen das allgemeine Glücksdiktat opponiert nur das auf einem fernen Müllplaneten residierende Kollektiv der Hanks für ein Recht aufs Unglücklichsein. Der Ich-Erzähler Marten Elliot wird daher ausgeschickt, die maskierte Anführerin des subversiven Kollektivs aufzuspüren. Er findet sie schließlich auf dem verseuchten Müllplaneten, einen Döner essend. Auch scheint Marten dabei, eine neue Wahrheit zu finden, doch Randt lässt am Ende viele Fragen offen. Das ist eine der Stärken dieses Romans, der unsere Gegenwart in eine mögliche Zukunft verlängert, ohne sich in Sci-Fi-Etüden zu verlieren. Die Antwort sind immer wir.

TEXT: Uwe Schütte

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#3 Die Gedichte

Till Lindemann

Till Lindemann ist nicht nur Sänger der weltweit erfolgreichsten Band aus Deutschland, sondern auch Lyriker. Gemeint sind nicht seine Songtexte, die auf English bekanntlich als lyrics firmieren, sondern jene lyrischen Notate, die nebenbei und darüber hinaus entstanden. Man darf Lindemann insofern als Hobbydichter bezeichnen, was womöglich auch erklärt, warum er – wie sein Verlag mitteilte – keine Dichterlesungen abhält. Seine stilecht in Schwarz gehüllte Anthologie Gedichte, nun als wohlfeiles Taschenbuch erschienen, versammelt die bereits in zwei Einzelbänden erschienenen Poeme.

Im lyrischen Gesamtwerk Lindemanns geht es vor allem um das Priapische. Prominente Dichterkollegen wie Goethe gewährten diesem Themenstrang nur geringen Raum, während er bei Lindemann – vom Analsex über Ficken allgemein bis zur Fellatio mit Totenschädel – im Zentrum des dichterischen Interesses steht. Immer schon, und so auch bei Lindemann, eng verbunden mit der Fornikation ist das Thema Vergänglichkeit, denn am Ende aller Dinge steht stets der Tod. Amen.

Lindemann

Es ist keineswegs verwunderlich, dass die Rezeption seines lyrischen Œuvres im Feuilleton bisher eher zurückhaltend ausfiel. Zwangsläufig kann man den Dichter Lindemann nicht vom Frontmann Lindemann trennen. Tausende Rammstein-Fans werden auch diesen Band unabhängig von seiner literarischen Qualität kaufen. Auf ein faires Verfahren braucht er insofern nicht zu hoffen – von der BILD bis zum Spiegel überschüttet man Lindemann mit Hohn, Spott und Verwandtem. Das ist ungerecht, weil sich auch das eine oder andere gelungene Gedicht finden lässt, insgesamt aber schon okay.

TEXT: Uwe Schütte

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#4 Haus der Halluzinationen

Lars Popp

Seit vielen Schriftstellergenerationen schon dient das Motiv des Hotels zur Übertragung von sozialem Makro- in analysierbaren Mikrokosmos – nicht anders bei Lars Popp. Allerdings geht er in seinem Roman Haus der Halluzinationen weit darüber hinaus und entwickelt diverse Metaebenen, die sich wie belletristische Hyperlinks lesen und stets eine Stufe tiefer führen ins dunkle Herz des Informations- und Globalisierungszeitalters.

Die Handlung ist im abgeschiedenen Schweizer Hotel Paramontana angesiedelt – bezeichnenderweise zwei Wochen, bevor erstmals ein Computer einen Weltmeister in einem Schachturnier schlug, also 1996 – und entwickelt sich aus einer privaten Flucht von sieben Protagonisten in einen surrealistischen Trip an die Abgründe ihrer virtuellen Ängste und Hoffnungen.

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Hierbei handelt es sich weniger um den Dualismus »human versus digital«, vielmehr geht Popp von Friedrich Kittlers Überlegung aus, dass Menschen lediglich die Extensionen ihrer Medien seien, und von der Frage danach, wo genau letztlich die Grenzen verlaufen zwischen Technologie, Mensch und Natur und welche Rolle uns in der digitalen Evolution zugeteilt wird.

Haus der Halluzinationen ist ein enorm kluges und gleichzeitig bedrohliches Buch, das bisweilen in solch einem Tempo durch die gewichtigen Brocken Philosophie, Medientheorie und Sozialwissenschaft galoppiert, dass einem nicht selten in den erklommenen Höhen schwindelig wird. Dennoch brilliert der Roman in Stil und Idee und hinterlässt seinen unbedarften Leser mit einem tief sitzenden Unbehagen. Der Sorte Unbehagen, die nur eine Literatur erschafft, die hinter den Vorhang der Welt, und in diesem Fall der virtuellen Welt, geblickt hat.

TEXT: Sonja Matuzszcyk

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#5 Wolf In White Van

John Darnielle

John Darnielle ist der Songwriter und Sänger der Mountain Goats, und jetzt hat er ein Buch geschrieben. Das Buch heißt Wolf In White Van und liest sich wie eine rückwärts abgespielte Heavy-Metal-Platte. Diese Heavy-Metal-Platte spielt sich beinahe ausschließlich im Kopf von Sean Phillips ab, einem guten Jungen mit dunklen Gedanken aus Southern California, dessen Gesicht bei einem vermeintlichen Unfall unvorstellbar schlimm entstellt wurde. Auf Grund dieses vermeintlichen Unfalls, der ein sogenanntes normales Leben für immer unmöglich macht, flüchtet Sean in Fantasiewelten, vielleicht, um die Füße wieder auf den Boden der Realität zu bekommen, vielleicht, um gerade das zu vermeiden, schwer zu sagen. Während seine Eltern jedenfalls versuchen, dem Schicksalsschlag einen Sinn abzuringen, erfindet Sean das text- und rundenbasierte Rollenspiel Trace Italian und steigt damit immer tiefer hinab in die Katakomben seiner Vorstellungskraft.

darnielle

Darnielles Sprache kommt in Wolf In White Van ohne erkennbare Gefühlsregungen aus, er beschwört nichts herauf, kommentiert nichts, dramatisiert nichts, er schreibt es einfach auf. Das passt zur Prämisse seines Romans, dass Dinge eben passieren, gute und schreckliche, logische und unbegreifliche. Es gibt keine Erklärungen für das, was Menschen tun, es gibt nur Impulse und Konsequenzen. Man muss das so schlucken, bis Wolf In White Van am Ende seiner Seiten zum Anfang der Geschichte kommt, von Darnielle beinahe minutenprotokollartig rekonstruiert. Die Einblicke in die Funktionsweise des menschlichen Verstands, die er damit offenlegt, sind so ernüchternd wie erleuchtend. Man weiß danach immer noch nicht, wie Sean Philipps tickt, aber vielleicht versteht man seine eigenen dunklen Gedanken ein klein wenig besser.

TEXT: Daniel Gerhardt

1 KOMMENTAR

  1. Völlig unerwähnt gelassen worden ist leider diese Veröffentlichung:

    Harald Rutzen: Es gibt immer mal wieder Leute… / Laputa Verlag

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