Alvvays Alvvays

Der Versuch, einen Mythos zu zerstören, kann diesen bekanntlich umso mehr verstärken, in Hinsicht auf Dauer und Verbreitung. NME C86, die Zusammenstellung britischen Indie-Gitarrenpops im Jahr 1986, war fraglos auffallend und wichtig. Das Meinungsführer-Musikmedium New Musical Express hatte eine LP aus einem Mailorder-only-Special auf Musikkassette und einer Konzertreihe gemacht. Und diese LP beinhaltete schrabbelig-psychedelische Nerd-Bands wie The Pastels, Primal Scream (gerade erst um den ehemaligen Schlagzeuger von The Jesus And Mary Chain, Bobby Gillespie, gegründet), The Soup Dragons oder Schrammel-Indie von The Wedding Present, Shop Assistants und Half Man Half Biscuit. Daraus wurde ein Mythos. Vor knapp 30 Jahren war es schlicht eine tolle Compilation mit einigen Highlights. Nicht mehr, nicht weniger.

Über eine Popgeneration später tauchen wieder vermehrt Bands auf, die sich auf diese Phase und ihre Acts beziehen oder nach ihnen klingen, dieses Mal nicht nur aus Großbritannien, man höre etwa Veronica Falls. Alvvays aus Kanada sind gleichzeitig am nächsten dran an der großmäulig-coolen Bescheidenheit oder Schüchternheit des Schuheglotzens sowie absolut im Hier und Jetzt. Der NME hat sie schon abgefeiert, aber das nur am Rande. Geringelte T-Shirts, bleiche Typen und eine Indie-coole Sängerin sowie mit »Archie, Marry Me« und »Next Of Kin« zwei Mini-Hits zum Erdeverlassen (tschüss, ihr Trottel!) – das macht Alvvays’ zauberhafte Mixtur aus. In der »Referenzhölle« Pop (wie Thomas Meinecke sagt, der hier freilich auch das Himmlische des Wissens um Verweise meint) geht es immer wieder von vorne los, und sei es auch nur für immer wieder nachwachsende Rezipienten.

Molly Rankin und »ihre« Jungs scheinen das zu wissen und geben uns allen eine neue Chance. Denn natürlich gab es in jedem Jahrzehnt Zugänge zu C86, nach den eingangs Genannten eben auch The Primitives, Teenage Fanclub, Luna, Belle & Sebastian, Bettie Serveert, Beach House und so weiter. Alvvays sind dabei immer etwas direkter, fuzziger und weniger Dream Pop, haben dafür etwas mehr Boden unter den Chucks- oder Chelsea-Boot-Füßen. So lange es Debütalben wie dieses schillernd-melancholische Statement zu hören gibt, möchte ich nichts wissen vom gestern grüneren Gras (oder aber bei derartigen Klagen die Beobachterperspektive berücksichtigt wissen). Ausdrücklich. Es wird schließlich immer weiter wieder losgehen. Für irgendwen. Oder auch nur für mich.

 

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