»Ja, was ist das überhaupt?« Als im Mai 2012 An Awesome Wave erschien, gab man sich in SPEX verwirrt, aber auch leicht euphorisiert und fragte: »Hippie oder hip, Wanderschuh oder Segeltreter?« Das Debütalbum von Alt-J hinterließ große Teile der Presse ratlos. Doch gerade der Anti-Hype um sie scheint die englische Indie-Band zu einer der erfolgreichsten dieser Tage gemacht zu haben. Seit Monaten sind Alt-J von einer ausverkauften Show zur nächsten unterwegs. Ein Zwischenstopp in der kalten Sofaecke eines Konzertimperiums in London. 

Der West-Londoner Stadtbezirk Shepherd’s Bush beheimatet neben Europas größtem Shopping-Center auch eine Konzerthalle gleichen Namens. Vor dieser, sie trägt den stolzen Zusatz »Empire«, drängeln sich am Abend eines trüben Wintersamstages Menschen in ihren Zwanzigern. Der scharfe Wind treibt Schneeflocken und den Geruch von Gras vor sich her, schwarze Taxis halten am Straßenrand und spucken immer noch mehr Jungvolk aus, das auf seinem Weg zum mit einer Kordel abgesperrten Eingang eine Handvoll Schwarzmarkthändler passiert. Diese bieten raunend die allerletzten Tickets für das Konzert an, das laut Ankündigung in wenigen Minuten beginnen wird. Mit 50 Pfund Sterling kosten sie mehr als das Dreifache des Originalpreises. Auf dem weiß gleißenden Lichtkasten über dem Eingang zum Shepherd’s Bush Empire steht, wie schon am Vorabend: Alt-J. Daneben, wie schon am Vorabend: Sold out.

Als im Mai vergangenen Jahres An Awesome Wave erschien, das Debütalbum des in Leeds gegründeten Quartetts Alt-J, schrieb The Guardian seltsam distanziert: »Selbst wenn man – wie wir – der Platte unentschieden gegenübersteht, versteht man gut, warum andere Leute sie mögen.« Pitchfork war in seinem Verriss schon entschlossener. Anlässlich des US-Releases des Werks stand da zu lesen, es sei chaotisch und überfrachtet und frustriere zudem mit seiner Vorläufigkeit. »Alt-J wedeln mit der Karotte vor deiner Nase herum, bis du sie dir endlich schnappst. Und das alles nur, um dich in einem mit einer Sprengfalle ausgerüsteten Käfig festzusetzen und mit absolutem Stillstand zu bestrafen.« Blimey!

Das Album braucht sicher ein wenig Zeit, bis es seine ganze Kraft entfaltet. Der Dreischritt geht ungefähr so: Erst klingt das Album komisch – also komisch wie eigenartig. Dann interessant. Dann toll. Vorausgesetzt natürlich, man hat sich nicht schon bei Punkt eins abgewendet. An Awesome Wave flirtet unbekümmert mit Genres wie Folk, Post-Rock, Dubstep und Electronica – und zwar oftmals gleichzeitig, in einem einzigen Stück. Sogar das geschmähte 90er-Jahre-Kellerkind TripHop haben Alt-J mal wieder zum Spielen eingeladen. Das Ergebnis sind zwölf dichte, kraftvolle und sogar eingängige Songs, die sich trotzdem durch eine leichte, mitunter gar irritierende weirdness aus- zeichnen. Mögliche musikalische Vergleiche gibt es viele: Mit den Fleet Foxes teilen Alt-J den Hang zum Chorjungengesang, mit Clap Your Hands Say Yeah die nasal- gepresste Macy-Gray-Haftigkeit in der Stimme ihres Sängers. Das mitunter komplexe, bei Metalbands geschulte Schlagzeug erinnert an die Wild Beasts, und all die schillernd tapezierten Post-Rock- Gitarren-Wände lassen an Mogwai oder Explosions In The Sky denken. Mancher sah in ihnen Wiedergänger der 70er-Jahre-Folk-Rock- Band Fairport Convention, andere mutmaßten, das wäre dabei herausgekommen, wenn Nick Drake post mortem seine Liebe zu Gangsta-Rap entdeckt hätte. Und trotzdem klingen Alt-J vor allem: ganz neu und eigenständig. Und nach mehr als der Summe der aufzuzählenden Einzelteile.

Die Band selbst hat ihre eigene, etwas prosaische Theorie, warum sich die Kritiker anfangs so schwer mit ihnen taten: »Wenn Major-Labels ein Album herausbringen, können sie sicherstellen, dass es wahrgenommen wird«, erklärt Bassist und Gitarrist Gwil Sainsbury beim Gespräch mittags vor dem zweiten Londoner Konzertabend. »Bei Indies ist das oft anders.« Und Alt-Js Keyboarder Gus Unger-Hamilton meint: »Wir hatten ein PR-Problem. Dafür waren andere Leute auf unserer Seite.« Dank derer sind sie nun hier. Drei Viertel der Band sitzt auf einem abgewetzten Sofa in der Garderobe im ersten Stock der Konzerthalle. Sänger Joe Newman fehlt entschuldigt, er spricht nicht so gern über seine Musik. Es ist nicht Nervosität, sondern viel eher Selbstvergessenheit und Vertrautheit untereinander, die sowohl Gwil Sainsbury und Gus Unger-Hamilton als auch Schlagzeuger Thom Green während des Interviews auf ihren Fingernägeln herumkauen lässt, sollten sie nicht gerade von der Beantwortung von Fragen in Anspruch genommen sein. Die verwinkelten Funktionsräume des Konzertvenues, zu der auch eine nach Turnhalle riechende Bar gehört, sind genauso glanzlos wie der Tag, den die Band mit Soundcheck und Interviews zubringt. Gegen die Kälte – geheizt wird der Laden erst am Abend – hält das schlappe Catering Tee bereit, geraucht werden darf nur vor der Tür. Der Rest ist Warten. Während die unzureichenden Werbemaßnahmen ihrer Plattenfirma und die Ignoranz der etablierten Musikpresse drohten, das Album dem Vergessen anheimfallen zu lassen, war es das britische Mainstream-Radio, das den sonst üblichen Mechanismus umdrehte – und An Awesome Wave spielte, einfach weil es das Album gut fand. »Ich sage so etwas sehr selten, aber in diesem Fall kann es sich Radio 1 zugute halten, sich für eine Band eingesetzt zu haben, auf die niemand anders etwas gegeben hat«, pries Korda Marshall, der Kopf von Alt-Js Label Infectious Records, in einem Interview das Hörfunkprogramm der BBC.

Und so, with a little help from their early fans, fand An Awesome Wave doch noch seine Hörer. Und schaffte es auf die Shortlist des Mercury Music Prize, der mit 20.000 Pfund dotierten Auszeichnung für das beste britische Album des Jahres. Dort stand es neben den hochgelobten Werken des Rappers Plan B, der Singer-Songwriterin Jessie Ware und des ehemaligen Pulp-Gitarristen Richard Hawley. Die Buchmacher hatten Alt-J ziemlich schnell als Gewinner ausgemacht, am Ende standen die Wetten für die Band konkurrenzlos bei 1 zu 1.

Als sie Anfang November 2012 schließlich zum Sieger des Preises gekürt wurden, hatten sich die Verkäufe ihres Albums schon mehr als vervierfacht. Bis heute setzten sie über 450.000 Exemplare ab. Was The Guardian wiederum nicht davon abhielt zu pesten: »Der Preis, für den sich niemand wirklich interessiert, geht an die Band, die niemand wirklich liebt.«

Nun ja. Alt-J sind vor allem eine Band, die sich lange nicht wirklich darum kümmerte, eine echte Band zu sein. Getroffen haben sich die vier 2007 an der Universität von Leeds, wo sie ohne rechtes Ziel Englische Literatur und Kunst studierten. Drummer Thom Green fasst die Zeit folgendermaßen zusammen: »Wir machten von unserem Mittelklasseprivileg Gebrauch und brachten drei Jahre unseres Lebens damit zu, Zeit totzuschlagen, Bücher zu lesen und ein wenig Musik zu machen.« Zunächst taten sie Letzteres unter dem komplizierten – zu komplizierten – Namen der britischen Al-Jazeera-Nach- richtensprecherin Daljit Dhaliwal. Es folgte eine Umbenennung in Films, aber so hieß schon eine amerikanische Band. Nächster Versuch: Alt-J. Dabei sei es nie darum gegangen, das Ganze zu professionalisieren. Sie spielten, sagen sie, eher so vor sich hin. Und immer, wenn ein befreundeter Produzent einen Slot im Studio frei hatte, nahmen sie einen Song auf. Nach dem Studium zogen sie geschlossen nach Cambridge und sahen vielversprechenden Karrieren als Supermarktleiter und Social Media Manager entgegen, oder sie lebten von wöchentlich 60 Pfund Arbeitslosengeld. Insofern hatte Bryan Ferry nicht einmal unrecht, als er im November vergangenen Jahres in einem Interview sagte, die Band sehe aus, als sei sie nur einen Schritt »von der Warteschlange auf dem Arbeitsamt entfernt«. Was der elder statesman of dandyism Ferry eigentlich sagen wollte, war, dass Alt-J mit ihren modisch unambitionierten Slacks-and-sweater-Outfits das genaue Gegenteil von Roxy Musics Glam-Rock-Extravaganza darstellen.

Genauso zwanglos, wie ihr Auftreten wirkt, gibt sich die Band auch, wenn es um den Fortgang ihrer Karriere geht. Am liebsten lassen es die Vier heute so aussehen, als sei ihnen all das eher beiläufig passiert: »Erst als wir den Vertrag angeboten bekamen, realisierten wir, was das bedeutete«, erinnert sich Thom Green. »Wir mussten dann auch wirklich ein Album machen.« Noch während der Aufnahmen und selbst, als die Platte schon im Radio lief, kreuzten sie regelmäßig im Jobcenter auf, um durch eine Unterschrift an ihre staatlichen Transferleistungen zu kommen.

Kaum ein Jahr später sind sie Indie-Stars, haben einen Song für einen Oscar-prämierten Film geschrieben (»Buffalo« in Silver Linings Playbook) und sitzen vielleicht auf dem gleichen ranzigen Sofa wie David Bowie, Bob Dylan und die Rolling Stones, die das Shepherd’s Bush Empire in den vergangenen zwei Jahrzehnten bespielt haben. Aus dem Konzertsaal dringen eigenartige Störgeräusche in die Garderobe herauf. Was Gwil Sainsbury – dessen Vorname an einen Elben aus einer Tolkien-Saga erinnert und der mit seinem fein geschnittenen Gesicht unter dem blonden Haar auch ein wenig so aussieht – dazu veranlasst, von seinem Glauben an Geister zu erzählen. Seine Kumpels zeigen ob seiner mit großem Ernst vorgetragenen Ausführungen keine Anzeichen von Spott oder Genervtheit. Es ist zu spüren, dass es sich bei Alt-J um vier langjährige Freunde handelt. Später am selben Tag erzählt Sänger Joe Newman von einem Dokumentarfilm über einen greisen japanischen Sushi-Koch und davon, mit welcher Hingabe der seinem Job nachginge. Gus Unger-Hamilton fühlt sich an Wes Andersons Film Rushmore erinnert, nur will ihm das passende Zitat nicht einfallen. Dafür weiß Thom Green genau, welche Stelle er sucht: »Find something you like and do it forever!«

Ob sie das hier – eine Band sein – für immer machen werden, wissen Alt-J nicht so genau. Im Moment sind sie jedenfalls auf kaum enden wollender Konzert- und Festivaltour. Was zumindest für Thom Green Anlass genug war, seine Wohnung zu kündigen. Die nächsten neun Monate werden sie ohnehin jede Nacht in einem anderen Hotel irgendwo auf der Welt verbringen. Danach allerdings wollen sie noch ein paar weitere Alben machen, ohne ununterbrochen unterwegs sein zu müssen. »So wie Radiohead«, meint Gus Unger-Hamilton, um gleich darauf zu fragen: »Shit, habe ich Radiohead gesagt?« Mit denen werden Alt-J zu ihrem leisen Missfallen immer wieder verglichen. Grund dafür kann nur ihre klangliche Eigenständigkeit sein und der Wert, den beide Bands auf ihren Sound legen.

Während des Soundchecks auf der Bühne des 1903 als Varietétheater erbauten »Empire« ist es immer noch so kalt, dass Joe beim Einsingen vor dem Mikro kleine Kondenswolken produziert. Die Songtexte stammen weitgehend von ihm und sind der Grund, warum ihr Genre auch Boffin-Rock genannt wird – Schlaumeier-Rock. Als eine Art Gegen-Oasis sind ihre Themen allerlei Kunst- und Kultursinniges: Der Song »Taro« handelt von der 1910 geborenen Gerda Taro, die heute als eine der ersten Kriegsfotografinnen gilt und zusammen mit Robert Capa den Spanischen Bürgerkrieg dokumentierte; »Matilda« bezieht sich auf die jugendliche Heldin des Luc-Besson– Films Leon – Der Profi, während »Fitzpleasure« ganz und gar rätselhaft bleibt.

Als Alt-J am Abend wie vorgesehen um Punkt 22:30 Uhr die Bühne betreten, werden sie von den 2.500 anwesenden Fans mit Jubel überschüttet. Sofort wird klar: Die Band hat großen Spaß am Spielen. Thom Green trommelt mit einer Uhrwerkspräzision, die noch größer ist als das Lächeln, das er ununterbrochen im Gesicht trägt. Gwil Sainsbury grinst Gus Unger-Hamilton zu, wenn der zwischen den Songs seine Ansagen ins Publikum flirtet. Statt zu sprechen, zieht Joe Newman es auch auf der Bühne vor zu singen. Zum Beispiel die Leiermelodie von »Slow Dre«, Alt-Js hingeschrieben absurd, in Wirklichkeit aber total zwingend klingendem Mash-up von Dr. Dres Piano-Intro aus »Still Dre« und Kylie Minogues schwüler Stöhnnummer »Slow«. Beim Single-Hit »Tesselate« singen dann die vorderen Zuschauerreihen Zeile für Zeile mit und formen mit Daumen und Zeigefinger ihrer beiden Hände das Dreieck, das für den Bandnamen steht: der griechische Buchstabe Delta – ∆ –, der entsteht, wenn man auf der englischen Mac-Tastatur die Kombination aus der Umschalttaste alt und dem J betätigt.

∆ bezeichnet (neben einer Flusslandschaft, wie sie das Platten- cover der Band ziert) in mathematischen Gleichungen: Differenz. Es ist genau ihre Andersartigkeit, ihr ganz eigener Sound, ihre spezifische weirdness, mit der es Alt-J geschafft haben, trotz des sie umgebenden Anti-Hypes eine der vielversprechendsten Bands des Moments zu werden. Dass sie trotz dreifacher Nominierung bei der Verleihung der eher mainstreamigen Brit Awards Ende Februar leer ausgingen, passt dann schon wieder bestens ins Bild.