Als wäre nichts gewesen – Max Richter live in der Berliner Philharmonie / Rückblende

Max Richter live – aber nicht in der Berliner Philharmonie / Foto: Heiko Prigge /DG

Feels like Nullerjahre: Auf die Unfassbarkeit der Welt mal nicht direkt mit Hass und Tweets reagieren, sondern vorher wenigstens ganz kurz innehalten. Max Richter bringt neu aufgelegte stille Trauer und stillen Protest auf die Bühne der Berliner Philharmonie – Spex war dabei.

Kriege, Attentate, Katastrophen: Immer wieder wiederholt sich alles, also wiederholt sich auch Max Richter immer wieder. Eigentlich ließen sich die Stücke, in denen der in Deutschland geborene Brite seine verhaltenen Reaktionen auf die Weltgeschehnisse verarbeitet, eher als sachte erweiterte Kammermusik einordnen, aber wenn so viele Menschen mitverarbeiten wollen, verkauft er eben die großen Säle der Philharmonien aus. Kaum gute Hustmomente gibt es dann da, nicht mal welche für hörbares Atmen, während Richter ein einprägsames kleines Motiv nach dem nächsten auf der Bühne kreisen lässt, ohne dass es dabei je überwältigt würde.

Neben sein Cockpit aus Flügel, Synthesizern und Laptop hat der Komponist ein Streichquintett platziert, das die spärlichen Noten, die er selbst vom Blatt spielt, immer wieder sanft ertränkt. Tatsächlich geht es auf dem Album Infra, das die erste Hälfte des Abends bildet, um die Opfer der Londoner Terroranschläge von 2005, die zum großen Teil unterirdisch mit der U-Bahn unterwegs waren. Aber das Gefühl dazu ist eher eins von unter Wasser, wo das Unfassbare wie in Zeitlupe, aber umso klarer ankommt. Die Bühne ist dazu in grünblaues Licht getaucht, das in Hoffnungs- und Schreckensmomenten auf Orangerot wechselt und dann wieder zurück. Wie in der kühlsten Farbsauna der Welt sitzen die Zuschauer drumherum und lassen alles mit sich geschehen.

Wie in der kühlsten Farbsauna der Welt sitzen die Zuschauer und lassen alles mit sich geschehen.

Max Richter hört man schließlich so, wie man auch Yoga macht oder saftfastet: als kleinen Luxus des Alltags, der zwar nicht viel verändert, aber gut tut. Im verkehrtesten Fall macht man es wie der Rezensent, der in Infra einst die perfekte Berieselung für Überstunden erkannt haben wollte im richtigsten lässt man sich davon zur Auszeit zwingen. Es muss ja nicht gleich Sleep sein, sein achtstündiges Wiegenlied von 2015, zu dem das Publikum ausdrücklich einschlafen sollte. Es reicht schon die stille Trauer, die sich auf Infra über 40 Minuten ununterbrochen ausbreiten darf. Keine Tweets, keine Verschwörungstheorien, nicht mal Wut ist da zu hören, was das Album schon 2010 besonders machte, bei seiner Neuauflage 2016 aber umso mehr.

Auch The Blue Notebooks, das ursprünglich 2004 erschien und dieser Tage neuaufgelegt wird, könnte kaum aktueller wirken. Schon zu Zeiten des Irakkriegs habe er darüber nachgedacht, dass Geschichten plötzlich wichtiger schienen als Fakten, erklärt der Künstler als Einleitung zur zweiten Hälfte des Abends – inzwischen sei das ja eher noch schlimmer geworden. Wissendes Lachen, dann wieder Ruhe. Als stillen Protest will Richter sein Album verstanden sehen. Ein nicht ganz einfaches Konzept, das sich aber nur stellenweise mit dem des Einschlafens verwechseln lässt.

Max Richter live (in der Berliner Philharmonie) / Foto: Mike Terry

Für die Zitate aus Franz Kafkas Tagebüchern, die auf dem Album von Tilda Swinton vorgetragen werden, sitzt die Erzählerin Sarah Sutcliffe im roten Abendkleid auf einem Stuhl, während es um sie herum für Richter-Verhältnisse fast wuselig wird. Wo die elektronischen Elemente auf Infra eher verstörend wirken, bilden sie in den Blue Notebooks oft die Basis von Songs, und entsprechend oft wechselt Richter vom Flügel weg und wieder zurück. In die Melancholie mischen sich Vogelgezwitscher, noch störrischere Melodien und eine innere Unruhe. Den „Schutzpatron des Zweifels“ Kafka habe er nicht umsonst als Inspiration fürs Album ausgesucht, sagt Richter.

Was seine Zuhörer davon anschließend mit nach draußen nehmen, bleibt die Frage. Aber erst einmal kann man hier nicht anders, als in sich zu gehen. Die saaleigene Orgel bespielt Richter leider bis zum Ende nicht, dafür aber eine mitgebrachte Minimalversion. Von einem der Streicher lässt er sich schließlich die Seiten umblättern und haut dabei so fest auf die Tasten, dass die anschließend vielleicht sogar neu gestimmt werden müssen. Ein kurzer Ausbruch. Dann ist plötzlich alles wieder still, als wäre nichts gewesen.

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