Doppelreview: Allison Crutchfield „Tourist In This Town“ vs. Cherry Glazerr „Apocalipstick“

Während Allison Crutchfield ihre schwer verdaulichen Lyrics in poppige Arrangements kleidet, stehen Cherry Glazerr auf (Prog-) Rock.

Powerdrums hier und ein von Phil Spector geborgtes Intro dort: Allison Crutchfield geht es jetzt um Pop – gern mit dem Zusatz „Indie“, aber Pop. Allison ist die Zwillingsschwester von Katie Crutchfield alias Waxahatchee, mit der sie in der Band Bad Banana spielte, später gründete Allison das Lo-Fi-Riot-Trio Swearin’, das beinah als Soloprojekt durchgeht. Vor zwei Jahren erschien Allisons Solo-EP, aber erst mit Tourist in This Town ist Crutchfield dort angekommen, wo sie hinwollte, beim Pop. Sie betont, dass das Synthesizer-Arsenal von Produzent Jeff Zeigler elementar für die Verwirklichung ihrer Ideen war – und tatsächlich sind es die vehement fiependen Synthies, die Crutchfields emotionalem Collegepop die I-Tüpfelchen aufsetzen. Wobei man sich von fröhlichen Hooklines nicht täuschen lassen darf: „Dean’s Room“ handelt von einem Stalker, „The Marriage“ von einem Paar, das nichts gemeinsam hat, außer den jeweils anderen demütigen zu wollen.

Zu cool, um wahr zu sein? Zum Glück nicht.

Während Allison Crutchfield ihre schwer verdaulichen Lyrics in poppige Arrangements kleidet, wählt Clementine Creevy mit ihrer Band Cherry Glazerr eine andere Variante – wie die ebenfalls aus L.A. stammenden Deap Vally steht Creevy auf (Prog-) Rock, wobei letztere spielerischer mit etwaigen Vorbildern umspringt. Creevy ist sowieso eine ganz unglaubliche Person: Musikalisch überbegabt, Model, Schauspielerin, schreibt Songs für Saint-Laurent-Shows, veröffentlicht als Clembutt seit gut drei Jahren Platten und ist immer noch ein Teenager. Womit Cherry Glazerr eine/n aber vollends kriegen, ist der offene Umgang mit eigenen Paradoxien: In „Told You I’d Be With The Guys“ (man denke Boss Hog und Royal Truxx zusammen) thematisiert Creevy, wie stark sie selbst noch alten patriarchalen Mustern verhaftet ist – und beschwört gleichzeitig eine sisterhood herauf. Das Album Apocalipstick ist kein feministisches Manifest, sondern voller Widersprüche, die Cherry Glazerr unerschrocken in den Ring werfen: Vom wilden Rausch namens „Sip O’Poison“ zum sentimentalen „Only Kid On The Block“, von „Lucid Dreams“ zu „Nuclear Bomb“ sind es nur kurze Schritte resp. Riffs; vorwärtsdrängend und mit ordentlich Fuzz. Zu cool, um wahr zu sein? Zum Glück nicht.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here