»Alles was kommt« – Filmfeature zum Kinostart

Mutter-Tochter-Kiste: Édith Scob (r.) hat stets im Blick, was Isabelle Huppert (l.) im Blick hat.

Schopenhauer statt Daft Punk: Nach ihrem French-House-Drama Eden erzählt Regisseurin Mia Hansen-Løve in ihrem neuen Film, wie Philosophie-Werkausgaben (nicht) helfen, wenn alles in die Brüche geht.

Der Verlust des Partners bemisst sich in Alles was kommt ganz entscheidend an den Lücken im Bücherregal. Nathalie (Isabelle Huppert), Philosophielehrerin an einem Pariser Lycée, ist empört, als sie nach dem Auszug ihres Mannes die zerpflückte Bibliothek entdeckt, und auch er jammert über einen vergessenen Schopenhauer-Band wie über einen abwesenden Freund: »Er fehlt mir.«

Dass in Mia Hansen-Løves autobiografisch grundiertem Film (die Eltern waren Philosophielehrer) so ausgiebig über Bücher diskutiert wird – von Rousseau über Günther Anders bis hin zu Žižek –, sagt dabei ebenso viel über das kulturelle Milieu der Figuren wie über die Erzählhaltung der Regisseurin. Hansen-Løve hierarchisiert nicht zwischen dramatischen und alltäglichen Ereignissen, zwischen dem Zentrum und der Peripherie der Geschichte: Das Ende einer 25-jährigen Ehe, der Tod der Mutter, eine Schulstunde, die intellektuellen Debatten mit einem ehemaligen Schüler, der sich einer Anarchistengruppe angeschlossen hat, das Zusammenleben mit einer Katze und immer wieder Bücher – alles steht gleichberechtigt nebeneinander und wird mit der gleichen Aufmerksamkeit bedacht.

05_AWK_c_Ludovic_Bergery_CG_Cinema

Wie schon in Der Vater meiner Kinder (2009), Eine Jugendliebe (2011) und Eden (2014) geht es auch in Alles was kommt um die Spuren der Zeit, um Abschiede wie auch ums Weitermachen. Erst geht der Mann, dann stirbt die besitzergreifende Mutter. Auch in Nathalies Arbeitsleben gibt es Verluste: Die Edition philosophischer Grundlagentexte, die Nathalie herausgibt, soll grafisch aufgefrischt werden, was im Ergebnis sehr nach Haribo aussieht.

Es ist nicht so, dass der Film diese Verluste beweinen würde. Mit großer Leichtigkeit und einem erstaunlich souveränen Gespür für narrative Ökonomie erzählt Hansen-Løve das Leben dieser nun allein lebenden bürgerlich-intellektuellen Frau gerade nicht als Mangel und Kompromiss. Nicht als Davor eines Aufbruchs und auch nicht als Danach einer erfüllten Existenz, sondern als reine Gegenwart – um ihre Vergänglichkeit bewusst, aber immer schön im Flow.

Alles was kommt
Frankreich, Deutschland 2016
Regie: Mia Hansen-Løve
Mit Isabelle Huppert, André Marcon, Roman Kolinka, Édith Scob u. a.

Dieser Beitrag ist wie viele weitere Musik- und Filmfeatures in der Printausgabe SPEX N° 370 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.