All diese Gewalt "Welt in Klammern", Album-Cover
All diese Gewalt “Welt in Klammern”, Album-Cover

Was hat es mit dem Albumcover auf sich, dem Hungarian Boy?
Das Gemälde von Marianne Stokes, ja. Ich habe es auf dem Flickr-Account des Internet Archive gefunden. In diesem Archiv wurden ganze Bücher und Bibliotheken eingescannt. Es wurde ein Algorithmus geschrieben, der in diesen Scans Illustrationen und Bilder ausfindig macht, sie extrahiert und auf den Flickr-Account lädt. Das ist vollautomatisiert, es gibt Millionen von Bildern, Tausende von Seiten. Dieses Zeug hatte noch nie jemand gesichtet. Ich dachte mir, da steige ich mal auf Seite 11.370 ein und klicke mich einfach durch die Bilder, bis ich das eine finde, das passt. Das war gar nicht speziell für das Album-Artwork gedacht. Ich denke, dass wir in einer Zeit leben, in der es einen absoluten Überfluss an Bildern gibt und ich mir selbst manchmal dämlich vorkomme, wenn ich schon wieder ein eigenes Bild publiziere. Bilder verlieren ihre Wirkmächtigkeit, weil sie so inflationär sind und viele Leute sich gar keine Gedanken mehr machen, was sie auslösen können. Jeder hat eine Kamera in der Tasche und fotografiert die ganze Zeit.

Deswegen auch ein Gemälde und kein Foto?
Nein, das hat damit nichts zu tun. Deswegen ein Bild, das schon existierte, und kein neu produziertes. Obwohl ich auch nicht sagen will, dass ich nie mehr irgendwelche Bilder mache. Zu diesem Zeitpunkt fand ich das aber interessant und habe mich tatsächlich wochenlang durchgeklickt. Das Bild hat mich irgendwie angesprochen, und ich habe es benutzt.

Wohnst du noch in Stuttgart?
Ich wohne seit kurzem in Leipzig.

Eigentlich wollte ich eine Frage zu Stuttgart stellen. Von außen betrachtet wirkt es so, als hättest du dort in der Szene überall deine Finger im Spiel. Deshalb wäre meine Frage gewesen, was Stuttgart so eigen macht. Eine Frage, die dir wahrscheinlich schon oft gestellt wurde.
Heute erst zwei mal. (lacht) Nein. In Stuttgart war es eben zufällig so, dass sich zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute getroffen haben. Ich denke, das ist deswegen passiert, weil es a) groß genug ist, dass es genügend Leute gibt, die sich für alternative Musik interessieren und b) klein genug, dass sich diese Leute gezwungenermaßen irgendwann alle über den Weg laufen. Es sind wirklich nicht so viele, aber diejenigen, die dabei sind, haben wirklich Lust darauf. Es kommen ganz viele verschiedene Einflüsse dadurch rein, weil dann doch jeder aus einer anderen Richtung kommt und auch in eine andere Richtung möchte. Ich würde inzwischen auch nicht mehr sagen, dass diese Stuttgarter Szene so massiv auf dem Vormarsch ist. Man muss sich das vielleicht wie viele Bahnen vorstellen, die sich einmal alle an einem Punkt gekreuzt haben und dann wieder ein wenig auseinandergedriftet sind. Jeder hat daraus etwas mitgenommen. Es gibt Bands, mit denen ich dadurch immer noch zusammenarbeite, und Bands, bei denen das nicht mehr der Fall ist. Auf der anderen Seite ist es aber doch so, dass es ab einem gewissen Punkt ein bisschen erschöpft ist. Dieser Punkt war schon vor einer ganzen Weile erreicht, so dass ich dachte: Eigentlich gibt es hier nicht mehr so viel zu holen. Ich wollte neue Sachen kennenlernen.

»Ich habe es einfach mal Drone Pop genannt. Das Genre gibt’s ja gar nicht«

War das der Grund, nach Leipzig zu ziehen?
Nein, nicht gezwungenermaßen, und nicht spezifisch Leipzig. Ich hatte dort die Möglichkeit, für kleines Geld ein richtiges Studio einzurichten, wo ich so laut spielen kann, wie ich möchte. Das ist für mich gerade wichtig, deswegen habe ich mich dafür entschieden. Gefällt dir die Platte eigentlich?

Ja, sogar sehr gut. Den Detailreichtum finde ich schön, und das wiederum finde ich interessant, weil ich vorher diesen rauen, brummig-bassigen Charakter so mochte. Ich hatte die Befürchtung, dass es mit einer aufwendigeren Produktion nicht mehr so gut funktioniert, aber das ist gar nicht so. Es hat noch diesen harten, düsteren Charakter und ist gleichzeitig aber auch Pop.
Dann kommt sie gut an, dann kommt sie an wie beabsichtigt. Ich hatte auch Sorge, dass man damit gar nichts mehr anfangen kann, zumindest die Leute, die das bisher gut fanden. Aber ich kann mich damit letztendlich auch gar nicht aufhalten, dass die Menschen gerne dies und jenes hören würden. Denn ich möchte keine Platte zweimal machen und halte nichts von Musikern oder Künstlern, die immer und immer wieder dasselbe liefern, weil sie gemerkt haben, dass das Konzept funktioniert. Ich finde es wichtig, dass man immer schaut, wo es als nächstes hingehen soll.

Eine gewisse stilistische Ähnlichkeit haben deine Veröffentlichungen aber schon. Würdest du nicht sagen, dass es für All diese Gewalt diesen einen Musikstil gibt, so wie du ihn mal nanntest: Drone Pop?
Ich habe es jetzt einfach mal Drone Pop genannt. Das Genre gibt’s ja auch gar nicht.

Also wird sich der Charakter von All diese Gewalt auch immer ändern?
Ja, natürlich, weil sich alles die ganze Zeit verändert, sowieso. Und man selbst verändert sich auch, alles ist im Fluss. Das zu verneinen ist für mich Stillstand. Und Stillstand ist das Schlimmste, das es gibt.

All diese Gewalt live
18.10. Hamburg – Golem
19.10. Essen – Hotel Shanghai
20.10. Köln – Arttheater
21.10. Frankfurt – Mousonturm Studio
22.10. München – Import Export
23.10. Leipzig – Conne Island
24.10. Berlin – Roter Salon
26.10. Schorndorf – Manufaktur