All diese Gewalt: »Stillstand ist das Schlimmste« – Max Rieger im Interview

Foto: Patrick Herzog

Bisher trat Max Rieger vor allem als Sänger der Postpunk-Wiederbeleber Die Nerven und in dieser Funktion als bekanntestes Gesicht der neuen Stuttgarter Musikszene in Erscheinung. Nebenbei zeichnete er für die Produktion vieler weiterer Musikprojekte, auch über seine Heimatstadt hinaus, verantwortlich, und veröffentlichte unter dem Alias All diese Gewalt Solomaterial im düster-bedrohlichen Drone-Gewand. Am 23. September erscheint das All-Diese-Gewalt-Album Welt in Klammern, mit dem sich Rieger einem größeren Publikum zuwendet.

Max, dein neues Album ist sehr detailverliebt im Vergleich zum ersten, Kein Punkt wird mehr fixiert. Das klang eher frei raus, wie eine Momentaufnahme, mit einem Vierspurrekorder mitgeschnitten. Welt in Klammern dagegen fühlt sich sehr durchdacht an und ist sehr detailreich. Kannst du etwas zum Produktionsprozess sagen?
Kein Punkt wird mehr fixiert entstand aus einem Gefühl heraus. Das war zu einer Zeit, als ich in Stuttgart gerade in eine sehr zentrale Wohnung gezogen bin. Es war extrem laut dort, draußen waren überall Bars. Es war eine ziemlich abgefuckte Wohnung, die seit Jahren von diversen Leuten als eine Art Proberaum genutzt wurde. Wirklich runtergesifft, aber überall standen Schlagzeuge und Verstärker, alles war voller Instrumente. Am ersten Morgen nach meinem Einzug, direkt nachdem ich aufgestanden bin, habe ich angefangen, an diesem Ding zu arbeiten. Ich habe glaube ich nur zehn Tage gebraucht, dann war ich damit fertig. Damit war das abgeschlossen. Kein Punkt wird mehr fixiert ist für mich auch eigentlich eine EP, wurde aber vom Label als Album verkauft, wahrscheinlich weil kein Mensch EPs kauft. Konzipiert als Album war es definitiv nicht. Noch bevor es rauskam, habe ich angefangen, am aktuellen Album zu schreiben. Ich wollte das wirklich fein ausarbeiten, der von dir beschriebene Eindruck ist definitiv beabsichtigt. Die Platte wurde 2013 begonnen und ungefähr Ende 2015 fertiggestellt. Das war natürlich ein komplett anderer Prozess. Ich habe Wochen dafür gebraucht, immer wieder von vorne angefangen. Ich hatte am Ende 160 Songs und bloß diese zehn ausgesucht.

Gibt es bei 160 Songs noch Material, das du irgendwann noch verwerten wirst?
Es gibt jede Menge Material, einige Sachen sind auch richtig gut, haben eben nur nicht im Kontext dieses Albums funktioniert. Ich plane auf jeden Fall noch so etwas wie Bonussongs zum Album, in welcher Darreichungsform auch immer. Vielleicht veröffentliche ich sie auf Kassette und verkaufe sie als eine Art Crowdfunding-Aktion für die Band, die ich jetzt starte und die ich gerne auch bezahlen würde. Das sind alles sehr gute Musiker, und ich weiß noch nicht wie das finanziell funktionieren soll. Könnte also sein, dass ich bis zur Tour eine kleine Spezialedition raus habe mit Material, das nicht auf dem Album gelandet ist.

»Bilder verlieren ihre Wirkmächtigkeit, weil sie so inflationär sind und viele sich gar keine Gedanken machen, was sie auslösen können.«

Bisher wurden All-Diese-Gewalt-Veröffentlichungen bei Indies wie dem Stuttgarter Label Treibender Teppich Records vertrieben oder einfach bei Bandcamp hochgeladen. Was war der Grund, jetzt mit der Veröffentlichung auf Staatsakt einen Schritt weiter zu gehen?
Ich dachte, dass das eventuell noch mehr Leuten gefallen könnte als dieser Nische. Ich habe diese Musik nie für eine Nische machen wollen. Ich wollte zwar auch nie Musik für ein großes Mainstream-Publikum machen, aber ich bin trotzdem und generell der Meinung, dass alles grundsätzlich Pop sein kann, wenn man der Musik die Möglichkeit dazu gibt. Leute darauf aufmerksam zu machen ist eigentlich alles, was man dafür tun muss. Dieses Album soll auch Leute ansprechen, die gar nicht so sehr hinter den aktuellsten Platten her oder in Underground-Musik besonders bewandert sind. Es ist nämlich inzwischen extrem schwierig geworden, sich seinen Weg durchs Internet zu suchen und eben bei solcher Musik zu landen. Es war also nie ein Dogma, dass die Sachen nur auf Bandcamp rauskommen und nicht promotet werden. Es war dafür nur genau das Richtige, denn es waren Platten, die sich nicht verkaufen und die deshalb heutzutage eigentlich gar kein Label machen möchte. Ich fand sie trotzdem musikalisch spannend und dachte, dass es Leute geben könnte, die sich dafür interessieren.

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