Alien: Covenant – Ridley Scotts Bund mit dem Biest

Lichtsucher-Dandy am Klavier: Michael Fassbender als Androide Walter in Alien: Covenant
Lichtsucher-Dandy am Klavier: Michael Fassbender als Androide Walter in Alien: Covenant

Ridley Scott schließt vom mystischen Prometheus aus dem Jahr 2012 zum mythischen Alien von 1979 auf. Auch wenn man vom neuen, am 18. Mai anlaufenden Film nur Trailer und Prolog kennt: Allein der Titel sagt schon viel, nicht zuletzt über seine Politiken. Einmal mehr hängt alles mit Konflikten um race und Gender zusammen. Aber auch mit Scheiße vom Mars.

Es soll ja Raumschiffe geben, die heißen „Unternehmertum“ (Enterprise). Das neue Schiff von Ridley Scott ist nun Covenant benannt und (anders als beim Frachter Nostromo im Alien-Franchise-Auftakt aus dem Jahr 1979) der ganze Film nach ihm. Ursprünglich hätte er Alien: Paradise Lost heißen sollen. In der Heilslehre bleiben wir freilich trotzdem im „Land of the Covenant“, im gelobten Land. Covenant heißt „Bund“, im Sinn von „Alter Bund“ für „Altes Testament“.

Alien: Bund – das klingt wie ein Werbefilm der Bundeswehr. Da konveniert doch eher Covenant als Titel. Aber anstelle jüdisch-christlicher Verheißung bleibt Regisseur Scott, der in seinem Moses-Film Exodus 2014 biblische Visionen in den Sand gesetzt, nämlich skeptizistisch auf Wüstenwetter- und Hautpickelkapriolen heruntergebrochen hat (hier die SPEX-Rezension des Films), der Alien-Gott-Mystik von Prometheus (2012) treu. Sprich: Es gibt nun noch mehr quests und capes, Schöpfer und Space-Jockey-Priester – als wäre dies Alien vs Predator 3. Könnten wir nächstes Mal nicht noch die Eierschädel auf den Osterinseln mit ins Spiel bringen?

„Wer hat den Weizen gepflanzt?“ Na, der Marsianer mit seinem Scheißearchiv!

Kein Bund ohne Michael Fassbender: Der von ihm gespielte Prometheus-Robot, der sich nach der Lichtsucher-Dandy-Figur des Peter O’Toole in Lawrence Of Arabia stylt und modelt, ist wieder mit dabei. (Er heißt diesmal nicht David, sondern Walter, nachdem er schon letztes Mal als waltende Gewalt agiert hatte.) Dieser prometheische Humanoid ist Teil der Art, wie sich die Selbstvergöttlichung eines zur großen Geste neigenden (und in den frühen Achtzigern auch wirklich großen) Regisseurs in Selbstschöpferfiguren selbst abbildet: sei es als der Gladiator als selbstbewusster Entertainer, der das Zentrum politischer Macht von Senat und Thron weg in die Arena verlegt, sei es zuletzt als der Marsianer, der aus archivierter Scheiße als Dünger eine Welt baut, die bewohnbar ist, so wie Scott mit Alien und Blade Runner aus Rost, Fleisch und alten B-Movie-Motiven Biotope designte, die auf Jahrzehnte bewohnt und kultisch beackert werden können. (Beide, Alien und Blade Runner, werden 2017 rebooted, so wie übrigens auch der Predator-Franchise.)

Alien-Geburt, diesmal ganz ohne Spaghetti Nostromo: Szene aus Alien: Covenant
Alien-Geburt, diesmal ganz ohne Spaghetti Nostromo: Szene aus Alien: Covenant

„Wer hat den Weizen gepflanzt?“, fragen im Covenant-Trailer die Siedler, als sie auf einem fernen Planeten Weizen vorfinden. Na, der Marsianer Matt Damon mit seinem Scheißearchiv! Dazu läuft eine Version des 1947 von Nat King Cole berühmt gemachten Songs „Nature Boy“, der (kein Scherz) auf deutsche Lebensreform-Wandervögel um 1900 zurückgeht. Das ist eine der vielen Verschiebungen der Alien-Biopolitik: weg von dem Konnex Cyborg-Proll-Folk und Black History, von schwarzen Arbeits- und Sträflings-„Sklaven“ (Höhepunkt: die Malcolm-X-Anklänge in David Finchers Alien 3, 1992) hin zur Öko-Mystik. (Wobei angemerkt sei: Donna Haraways früher Manifest-förmiger Entwurf zur Cyborg-Existenz war vor allem eine Studie zu post-patriarchalen, postfordistischen Arbeitsformen. Und in Sachen Cyborg-Prolls hätte der nun zugunsten von Covenant auf Eis gelegte Alien-Film von Neill Blomkamp – nach der Concept Art zu schließen wieder mit Sigourney Weaver und in Anknüpfung an die Siedler/Space-Marines-Welt von James Camerons Aliens – wohl etwas mehr Akzente gesetzt.)

Je mehr Alien: Covenant ins Schöpfungs-Spirituelle abhebt, desto mehr gilt es, darauf hinzuweisen, dass covenant auch schlicht „Vertrag“ bedeutet. Der Alien: Vertrag bindet alte und neue Zielgruppen in Konsumtreue und Verehrung an ein Franchise. Und das ist hier hochrelevant: Der Schatz des 40 Jahre alten Alien-Erbes wird von strengen Fanpriesterkulturen gehütet, denen Prometheus viel Wirrnis und Motivverrat zugemutet hatte. Ein Covenant-Trailer beginnt mit der Anrede: „You’ve all sacrificed so much to be here.“ Was übersetzt in Fan-Sprache soviel heißt wie: „Sorry.“ Ein weiterer Trailer fordert zum Auftakt: „Follow the light!“ Das ist eine Neu-Einschwörung auf den Bund mit dem Biest.

Guter, alter Facehugger aus dem Ei, du bist auch dabei!

Dieser Bund bringt eine Neu-Bündelung von mittlerweile weit in der Popkultur verstreuten Alien-Motiven mit sich: Guter, alter Facehugger aus dem Ei, du bist auch dabei! Dazu gibt es auch eine Anspielung auf die unerwartete Geburt des Aliens bei Tisch: Was im vierminütigen Covenant-Prolog-Film biblisch als Last Supper tituliert ist, meint das Dinner einer Crew aus zerknautschten Tech-Proll-Typen. An den Habitus dieses 1979er Modells von Mikrosozietät knüpft der neue Film merklich wieder an, lässt sogar Leute mitwirken, die heute eher als Komiker renommiert sind (James Franco, Danny McBride mit Cowboyhut).

 
Was Alien: Covenant wohl nicht erreichen wird, ist die genuine Obszönität, die Alien insofern aufwies, als das ein Film über Arbeitsalltag in technisierten Büroumgebungen war – samt Kaffeefleck auf der Raumschiffkonsole und dem Witz (nur in der Synchro) von Yaphet Kotto als Maschinist Parker über das Bordmenü „Spaghetti Nostromo“. Allerdings: Mehr als nur Nudeln quellen gleich darauf hervor – und zwar jeweils unmittelbar nachdem 1979 Parker beim Essen eine weiße Kollegin anmachte und 2012 Charlize Theron mit Idris Elba ins Bett geht. Und auch der Teaser legt die falsche Fährte mit dem verdächtigen Husten beim Last Supper auf ein interracial couple. Die Vorstellung, dass das Zusammenkommen, das „convenire“ von schwarzem Mann und weißer Frau, das Signal zur deskruktiven Eruption von Physis setzt, scheint auch in Covenant noch zu tragen. Oder es ist bloße Konvention.

Der Frachter Nostromo war, ganz unmythologisch, benannt nach Joseph Conrads gleichnamigem Roman über Ausbeutung in einer Minenkolonie. Im Vertrag von Covenant klingt auch der Aufruf „Vertragt euch!“ an, denn: Alien, dem sich der neue Film demütig nähert wie einem Altar, zeigte im Modus des Wahrheitsschocks, wie sozialer Konflikt, wie der Antagonismus von race, class & gender, nicht loszuwerden ist: Er ist auch einem flach-hierarchischen Teamkollektiv „innerlicher“ als alle liberale Integrationsfähigkeit (oder Integrationsillusion). Und: Meeting your maker hieß 1979 nicht Begegnung mit Vater/Fucker/Gott, auch nicht mit Mutter; die war MU/TH/UR (Alien), Bitch (Aliens), „womb as tomb“ (Barbara Creed) – und der Bund implizierte jeweils die Möglichkeit der Ent-Bindung tougher Frauen wie Ripley und Vasquez und auch noch der sich prometheisch selbst entbindenden Noomi-Rapace-Figur in Prometheus von organischer mothership beziehungsweise -hood, sowie ein Aufrücken in Führungsrollen und männliche Actionkino-Domänen.

Dem begegnen, was dich gemacht hat (und kaputt macht), hieß damals Begegnung mit dem Businessplan der Corporation, mit einer Politik, die in der Infrastruktur deiner Vitalfunktionen sitzt. Ohne alle Mystik war Alien tief gedacht. Und super.

Übrigens: Auch Faschismus leitet sich vom Bund ab, vom fascio: Wir werden’s ja erleben. Den Neuen Bund nicht mehr erleben wird John Hurt, der damals beim Spaghetti-Dinner das Alien gebar. Der englische Schauspieler starb Ende Januar. Vermutlich hustend.

 
Alien: Covenant
USA 2017
Regie: Ridley Scott
Mit Michael Fassbender, Katherine Waterston, Billy Crudup u.a.

Dieser Text ist die längere Version eines Beitrags aus SPEX No. 374. Das Heft kann hier versandkostenfrei online bestellt werden.

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