Alicia Keys „Here“ vs. Diverse „The Hamilton Mixtape“ / Doppelreview

Wo Here mit faden empowerment-Hülsen aufwartet, besticht Lin-Manuel Mirandas Gesellschaftskritik sowohl auf der Bühne als auch auf Platte.

Die Gründerväter der USA waren alte weiße Männer. Und ganz in gestriger Manier, bleibt auch der frisch gewählte president-elect Donald Trump bevorzugt unter seinesgleichen und wirbt derzeit für die Zusammensetzung seines Teams offenbar alle Mikes an, die sich in der Politik finden lassen –Frauen und Angehörige ethnischer Minderheiten hingegen: natürlich Fehlanzeige.

Umso aufmunternder ist vor diesem Hintergrund der Broadway-Kassenschlager Hamilton, ein kritischer Blick auf die Geschichte der Vereinigten Staaten in Musicalform. Das Stück aus der Feder von Lin-Manuel Miranda feierte im Januar 2015 Premiere und ist seitdem im Grunde permanent ausverkauft. Hamiltons Erzählung basiert auf der Biografie des Staatsmanns Alexander Hamilton, wobei die historischen Figuren weitestgehend von Afroamerikanern und Hispanics dargestellt werden. Kürzlich schafften diese es auch in die überregionalen Nachrichten: Als Trumps Vize, der erzkonservative Mike Pence, im November das Stück besuchte, richtete der Cast nach der Show eine kritische Stellungnahme an ihn: „Wir sind das freie Amerika und wir sind besorgt“, hieß es verkürzt. Trumps Antwort auf Twitter: Das Stück sei ohnehin überschätzt.

alicia-keys-here-2016-2480x2480

Der nun erscheinende Soundtrack namens The Hamilton Mixtape reinterpretiert mit Hilfe eines Rap-, Soul- und R’n’B-Allstar-Klassentreffens die Musicalsongs als schicke Coverversionen neu. The Roots, Nas, Usher, Jill Scott, Ja Rule, Ashanti oder eben auch Alicia Keys sind dabei nur eine Auswahl der vielen Beteiligten. Was sie abliefern, ist jedoch höchst unterschiedlich: Neben kitschigen Pop-Nummern und schnulzigen Balladen sind es Songs wie etwa K’naans „Immigrants“, die den zukunftweisenden Ton des Mixtapes ausmachen. „Look how far I come / Immigrants, we get the job done“ heißt im Chorus, dessen eindringliche Verse das Trugbild des Amerikanischen Traums enthüllen. Gleichzeitig bilden die Rapper das progressive Gegengewicht zur reaktionären Altherrenriege um Trump.

„Here“ ist vor allem eins: ein gutgemeinter, aber öder Ritt entlang der Oberfläche.

Weniger polemisch aber nicht minder ambitioniert gibt sich Here, die neue Platte von Alicia Keys. Auf ihrem mittlerweile sechsten Studioalbum erfindet sich die gebürtige New Yorkerin neu: Mal schmettert sie auf „Kill Your Mama“ als personifizierte Mutter Erde gegen den arglosen Umgang mit ihr oder wimmert auf „Illusion Of Bliss“ den Schwanengesang einer Drogenabhängigen. Das Album entstand in gemeinschaftlicher Produktion von The Illuminaries (darunter auch Ehemann Swizz Beatz) und verbindet reduzierte Oldschool-Drums mit Alicia Keys Markenzeichen, dem Jazzklavier. Das Problem nur: Während der Albumtitel Präsenz und Geistesgegenwart vermuten, ist Here vor allem eins: ein gutgemeinter, aber öder Ritt entlang der Oberfläche.

Wo Here allzu oft mit faden empowerment-Hülsen aufwartet, besticht Lin-Manuel Mirandas Gesellschaftskritik hingegen sowohl auf der Bühne als auch auf Platte. So kann man popkulturellen Zeitgeist und politische Utopie erfolgreich vereinen.

1 KOMMENTAR

  1. Hamilton ist genial. An das original cast album(vor allem Act 1) wird so schnell nichts rankommen, trotzdem freue Ich mich aud das Mixtape Album!

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.