In ihrem Buch Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten schreibt SPEX-Autorin Alice Hasters unter anderem über den Resonanzraum der Gefühle, der Hip-Hop für sie ist. Und was passiert, wenn Weiße diesen Raum betreten. Ein Auszug.

Ich freue mich heute noch darüber, dass ich die Pubertät kein zweites Mal erleben muss. In dieser Zeit wächst und sprießt alles, neue Körperflüssigkeiten, Kleidergrößen, Hormon- und Gefühlschaos. Lipgloss auf meiner Kommode, Teddybären auf meinem Bett. Ich weinte entweder, weil ich erwachsen wurde, oder weil ich es noch nicht war. 

Im Jahr zuvor, 2001, hatten die Mädchen aus meiner Klasse das Gespräch mit mir gesucht. Sie wollten mir alle gemeinsam einen guten Rat geben. Ich sollte mehr aus mir machen und nicht immer so weite Klamotten tragen. Engere Tops, engere Hosen, ein wenig Make-up – dann würde ich richtig gut aussehen. Doch das war nun eine gefühlte Ewigkeit her. Jetzt war 2002, ich war dreizehn, und was vor einem Jahr gegolten hatte, war nicht mehr wichtig. Ich und meine weiten Hosen waren jetzt cool. Alle trugen sie. Und ich schminkte mich. Kompromiss. Dass ich im Trend lag, hatte ich vor allem MTV und Viva zu verdanken.

Alice Hasters
„Der Kontext ändert sich, wenn weiße Menschen Formen Schwarzer Kultur ausüben“, schreibt Alice Hasters (Foto: H. Henkensiefken).

Wer weiß, was aus mir geworden wäre, hätten wir kein Kabelfernsehen bekommen und keine Privatfernsehsender in unser Leben geholt. Vielleicht könnte ich jetzt Klavier spielen oder würde wenigstens eine Sportart richtig gut beherrschen. Doch ich fand meinen Zeitvertreib vor dem Fernseher, wenn die Top100 aus den USA liefen. Dort sangen neben Britney Spears und N’Sync auch schon Destiny’s Child, India. Arie oder Kelis. Wenn sie auf dem Bildschirm auftauchten und niemand anderes im Zimmer war, stand ich auf, übte die Tanzschritte und sang Playback zu ihren Songs, als sei ich Star meines eigenen Musikvideos. Sie sahen so aus wie ich. Ich wollte so sein wie sie. 

Das wollten alle anderen jedoch auch. In der Pubertät entwickeln Freund_innengruppen meist eine obsessive Identität, die sie nicht allzu lang, dafür aber sehr intensiv ausleben. Wir entschieden uns für Hip-Hop und R’n’B. Wir knoteten uns Bandanas ins Haar, zogen Trainingsanzüge an und unsere Kappen tief ins Gesicht. Wir verknallten uns in die Bandmitglieder von B2K und lernten die Texte von Lauryn Hill auswendig, weil wir sie unbedingt mitrappen wollten. Meine ältere Schwester war mir weit voraus. Sie arbeite bereits als Fünfzehnjährige in einem Sneakerladen in der Innenstadt und hatte die besten Markenklamotten: Fubu-Turnschuhe, bauchfreie Tops von Pelle Pelle und Helly-Hansen-Hoodies, die ich mir manchmal heimlich von der Wäscheleine klaute. Die beliebten Jungs aus meiner Klasse trugen Baggy-Jeans und Oversize-Pullover mit dem Logo von Mobb Deep oder dem Wu-Tang Clan. „Ich wäre auch gerne Schwarz“, sagten sie mir. Denn Schwarze könnten gut tanzen, singen, Basketball spielen. Wäre man Schwarz, könnte man coole Dinge mit den Haaren machen, Cornrows flechten wie Allen Iverson zum Beispiel. Man hätte einen viel besseren Flow beim Rappen, außerdem sei man witzig und schlagfertig.

Auf der einen Seite war ich geschmeichelt und nach vier Jahren Mobbing in der Grundschule erleichtert. Jetzt war ich nicht mehr grundlos uncool, sondern grundlos cool. Das Problem war, dass ich dem Bild der Schwarzen, die alle so beneideten, in den meisten Punkten nicht entsprach. Ich konnte nicht singen, rappen schon gar nicht, kein Basketball spielen, ich war weder schlagfertig noch besonders witzig. Wenn sich Schwarze aus einer Hand voll spezifischer Talente zusammensetzten und ich diese nicht besaß – war ich dann überhaupt richtig Schwarz? 

Ich konnte allerdings gut tanzen. Wenn ich tanzte, fühlte ich mich mutig, glücklich, selbstbewusst, fast so sehr, dass ich mich, wenn die Musik aufhörte und mein Tagtraum von einem Videodreh beendet war, ein wenig schämte. Tanz war eine Ausdrucksform, in der ich Dinge über mich erzählen konnte, für die ich keine Worte fand – oder von denen ich mich nicht traute, sie in Worte zu fassen. Wenn ich zu Hip-Hop tanzte, dann fühlte ich mich verbunden mit einer Schwarzen Tradition, einer Schwarzen Kultur, die ich intuitiv zu verstehen meinte. Darum wurde ich beneidet. „Alice, tanz doch mal”, sagten meine weißen Freundinnen, wenn wir gemeinsam Musik hörten. Ich sollte ihnen die Tanzschritte aus den Videos beibringen. Doch dieses Talent wurde nicht als mein persönliches Talent gesehen, sondern als etwas Selbstverständliches. Tanzen würde mir ja liegen. Ich hätte es im Blut. Ich hätte dieses Talent nicht, weil ich ich, Alice, war – sondern weil ich Schwarz war. 

Guten Rassismus gibt es nicht

Wenn man denkt, dass Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft oder Religion bestimmte Talente hätten, nennt man das „positiven Rassismus”. Das heißt nicht, dass es ein guter Rassismus ist. Guten Rassismus gibt es nicht. Auch rassistische Komplimente sprechen Menschen die Individualität ab. Tanztalent liegt in meiner Familie. Außerdem wurden wir früh zum Ballett geschickt, tanzten viel zu Hause. Und auch, weil ich mich in den Tänzer_innen in den Musikvideos wiedererkannte, hatte ich besonderes Interesse und Ehrgeiz, ihnen nachzueifern. Die Formulierung, etwas läge einem im Blut, spielt jedoch nicht auf meine spezifische Familienhistorie ab, sondern auf meine Hautfarbe – und damit hat dieses Talent nichts zu tun.

(…) 

Der Aufschwung von afroamerikanischem Hip-Hop in Deutschland war für viele BIPoC Empowerment auf der einen, Korsett auf der anderen Seite. Hip-Hop schuf Repräsentanz und bot Identifikation. Doch es war der einzige Raum, den man mitgestalten durfte, und wirkte somit wie ein zugewiesener Platz. Dank Hip-Hop waren BIPoC nicht mehr unsichtbar, aber Individuen waren wir immer noch nicht. Doch meine Freundinnen und ich waren erst dreizehn – und gerade in der Pubertät sind Gruppenzugehörigkeit und eine klar abgesteckte Identität genau das, was man sucht: Die BIPoC unter uns waren auf einmal stolz. Wir schrieben uns „Brown Is Beautiful” in unsere Freundschaftsbücher und auf die Zettel, die wir während des Unterrichts hin und her reichten. Wir gaben uns sogar einen Cliquen-Namen: Die Babylon Bastards. Wir fanden, das klang einfach unglaublich cool. Wir eroberten uns das Wort „Bastard” zurück  – unsere Form des Reclaimings. Lange versuchten wir auszuhandeln, wer in diesen exklusiven Club aufgenommen werden durfte und wer nicht. Alle wollten ein Babylon Bastard sein. Meine weißen Freundinnen fingen an, von spanischen oder slawischen Wurzeln zu erzählen, die sie vermuteten. 

Für mich war diese Zeit ein Drahtseilakt. Ich hatte Zugang zur afroamerikanischen Kultur, meiner Kultur. Sie war alltäglich, gegenwärtig. Sie war nicht mehr fremd, und dadurch wurde auch ich weniger fremd. Doch weil sie regelrecht begehrt wurde, stürzte nicht nur ich mich darauf, sondern alle wollten ein Teil davon sein. Es war so, als ob jemand ein Kleid für mich genäht hätte, und auf einmal kämen andere und rissen es vor mir von der Kleiderstange. 

Früher hatte ich kein Wort für diese Dynamik. Ich dachte, ich sei einfach zu sensibel, sogar arrogant, dass ich in Erwägung zog, Hip-Hop aus den USA könnte für mich eine andere Bedeutung haben als für meine weißen Freundinnen, nur weil ich Afroamerikanerin bin. Es dauerte weitere dreizehn Jahre, bis mir ein Begriff zum ersten Mal begegnete, der diese Dynamik benannte: Cultural appropriation – kulturelle Aneignung. 

2015 war in den USA eine Diskussion über eine Frisur entbrannt. Die Kardashians hatten einen neuen Trend etabliert: boxerbraids. Es waren zwei am Kopf entlang geflochtene Zöpfe. Magazine, YouTube-Tutorials und Hashtags von Beautyblogger_innen übernahmen diesen Begriff in Windeseile. Doch diese Frisur war keine Erfindung der Kardashians. Afroamerikaner_innen tragen sie schon immer. Auf den Köpfen Schwarzer Menschen galt diese Frisur als unprofessionell. Jetzt, wo sie auf den Köpfen von weißen Frauen auftauchten, waren die Zöpfe auf einmal stylish und schick. Es war unübersehbar, dass mit zweierlei Maß gemessen wurde.

Der Aspekt der Unterdrückung durch Weiße ist eine treibende, prägende Komponente vieler Schwarzer Kulturen

Die Kardashians bekamen Anerkennung, schlugen sogar Profit aus einer Sache, die aus Schwarzer Kultur hervorgegangen war. Das Gegenargument lautete: Kultur gehöre niemandem. Jede_r mit Haaren auf dem Kopf könne sich Zöpfe flechten. Außerdem sei das Feiern dieser Frisur doch eine Wertschätzung dessen, was Schwarze Menschen geschaffen hätten. 

Es stimmt, dass Kultur prinzipiell niemandem gehört. Sie ist ein Produkt derjenigen, die sie leben. Sie verändert sich ständig, vermischt und erweitert sich, beeinflusst und wird beeinflusst. Dass es dennoch auch in westlichen, dominant weißen Kulturen eine explizit Schwarze Subkultur gibt, liegt daran, dass weiße Menschen Schwarz und weiß Hunderte Jahre voneinander trennten. In den USA geschah das zuerst durch Versklavung, dann durch diskriminierende Gesetze in der Jim-Crow-Ära, die BIPoC und insbesondere Schwarze Menschen weiterhin Armut und Gewalt aussetzte. Diese unterschiedlichen Lebensumstände brachten unterschiedliche kulturelle Ausdrucksformen mit sich. Anders gesagt: Der Aspekt der Unterdrückung durch Weiße ist eine treibende, prägende Komponente vieler Schwarzer Kulturen.

Im Hip-Hop ist das besonders stark zu erkennen. Deshalb bedeutete die Musik, die ganze Kultur mir so viel. Die Wut, die Traumata, der Stolz und das Bedürfnis, sich Gehör zu verschaffen, trug auch ich in mir. Auch meine US-amerikanische Familie, meine Mutter und meine Großmutter, wurden von diesen Umständen geprägt. Sie gaben diese Prägung an uns weiter, ob sie wollten oder nicht. Hip-Hop war für mich ein Resonanzraum für diese Gefühle, auch wenn ich das mit dreizehn noch nicht verstand. 

Der Kontext wird also automatisch verändert, wenn weiße Menschen Formen Schwarzer Kultur ausüben, weil sie keine Unterdrückung, keinen Rassismus erfahren haben – ganz im Gegenteil sogar. Deshalb macht es auch einen Unterschied, wenn weiße Menschen das N-Wort mitrappen. In den USA sagt man: „You can’t have the culture without the struggle” – du kannst die Kultur nicht ohne das Leid leben. 

Kulturelle Aneignung hat jedoch nicht mit Hip-Hop angefangen und schon gar nicht mit den Kardashians. Der „King Of Rock ’n’ Roll” heißt Elvis Presley, und Frank Sinatra wird bis heute als bester Jazzsänger aller Zeiten gefeiert, obwohl diese Musikrichtungen ohne Afroamerikaner_innen nicht entstanden wären. Schwarze Kultur durchläuft seit Jahrzehnten ein white washing – Schwarze Akteur_innen werden durch weiße Menschen ersetzt, die es dann in den Mainstream schaffen, Geld verdienen und Einfluss auf die Gesellschaft haben. Auch wenn heute Künstler_innen wie Beyoncé oder Rihanna vermuten lassen, dass all das der Vergangenheit angehört, ist es erstaunlich, dass sogenannte black music wie Hip-Hop und R’n’B zwar die beliebteste Musikrichtung unserer Zeit ist, finanziell aber vor allen Dingen nach wie vor weiße Menschen davon profitieren. Die meisten Chef_innen der großen Plattenlabels und Streamingdienste in den USA und Europa sind nämlich weiß und verdienen in der Regel weitaus mehr Geld als die Künstler_innen, die sie vertreten. Abgesehen davon sind es immer noch vor allem weiße Künstler_innen, die für ihre Musik ausgezeichnet werden. Rapper wie Eminem und Macklemore werden mit Preisen überhäuft, während ihre Schwarzen Kolleg_innen leer ausgehen oder erst gar nicht nominiert werden. Das Ungleichgewicht scheint aufzufallen. Als die weiße Sängerin Adele 2017 einen Grammy für „bestes Album” bekam, fand sie das selbst nicht gerecht. Sie sagte in ihrer Dankesrede, der Preis gebühre eigentlich Beyoncé, die in dem Jahr mit ihrem Album Lemonade nominiert war.

Alice Hasters Cover
Alice Hasters: „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen…“ (hanserblau).

Kommen wir aber noch einmal zurück zu den Haaren: Tragen nicht-Schwarze Menschen dazu bei, das Stigma traditionell Schwarzer Frisuren zu brechen, indem sie ihnen einen neuen Namen und ein neues Image verschaffen? Hilft es zum Beispiel Schwarzen Menschen mit Dreadlocks, wenn Weiße sie auch tragen? Nicht wirklich, aber ein bisschen. Das Frustrierende an kultureller Aneignung ist, dass Kultur erst durch Weiße legitimiert wird. Sie entscheiden, was normal, trendy, akzeptabel oder mainstream ist. Sie sind es, die am Ende das größere Kapital daraus schlagen. 

Auch in Deutschland spinnt sich die Dynamik um kulturelle Aneignung weiter. Die Importware Hip-Hop ist längst zum Mainstream geworden und hat teilweise nur noch wenig mit den Ursprüngen dieser Musik zu tun. Dennoch: Jede_r Rapper_in verkörpert in ihrer oder seiner Musik auch eine Interpretation von afroamerikanischer Kultur  – bewusst oder unbewusst. Und auch hier gilt: You can’t have the culture without the struggle. Zumindest nicht, ohne die Existenz dieses Leidens anzuerkennen.

Kulturelle Aneignung betrifft bei Weitem nicht nur afroamerikanische Kultur. Es gibt zahlreiche Formen und Auswüchse. Wenn zum Beispiel das traditionell hinduistische Holi-Fest, das Fest der Farben, hierzulande zu einem riesigen Techno-Rave umfunktioniert wird, ist das kulturelle Aneignung. Wenn Menschen auf diesen oder anderen Festivals Federkronen tragen und völlig außer Acht lassen, welche Bedeutung hinter diesem Schmuck steckt und woher er kommt, ist das kulturelle Aneignung. Wenn große Kleidungsmarken und Möbelhersteller_innen Jacken und Kissenbezüge mit westafrikanischen Prints anbieten, ohne Künstler_innen und Designer_innen aus dieser Region mit einzubinden, dann ist auch das kulturelle Aneignung. Weißen Menschen wurde die Teilhabe an anderen Kulturen nie explizit verweigert – deshalb sehen viele diese Grenzen auch nicht und bedienen sich weltweit an kulturellem Erbe. Es ist eine Fortsetzung kolonialer Strukturen. 

(…)

Dass Kulturen sich vermischen, manifestiert sich auch in Menschen wie mir. Weiße Kultur ist auch meine, selbst wenn sie in vielen Punkten dafür gemacht worden ist, mich als Schwarze auszuschließen. Dennoch bin ich in ihr aufgewachsen, so wie meine Vorfahr_innen auch. Ein Verhältnis diesbezüglich zu finden, ist nicht leicht. 

Die Musik von 2002 verbindet mich immer noch mit meinen Freund_innen von damals – mit den Babylon Bastards, der coolsten und peinlichsten Clique, zu der ich mich jemals zählen durfte. Doch hat es eine Weile gebraucht, den Wert, das Empowerment hinter dieser Zeit anzuerkennen. Denn wie bei den meisten Dreizehnjährigen verflog die übermäßige Identifikation mit afroamerikanischer Kultur. Als ich aus meinem Austauschjahr in Philadelphia zurückkam, war R’n’B nicht mehr so cool und wurde durch Indie-Musik ersetzt.

Alice Hasters
Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten
(Hanser Blau)
Erscheint am 23.09.