Von hohem Wiedererkennungswert ist inzwischen das Hiphop-Verständnis bzw. der Sound des Anticon-Labels. Auch die beiden jüngsten Arbeiten des selbsterklärten Kollektivs eint die ausgeprägt getragene Grundstimmung, introspektiv-grüblerische Texte und nicht zuletzt eine betonte Ernsthaftigkeit, die mehr mit Emo-Core-Befindlichkeit zu tun hat als mit der naheliegenderen Realness-Rhetorik des HipHop. Der Vorwurf, irgendwer halte sich nicht an die Regeln des Genres, wird hier jedenfalls niemandem gemacht. Und dann fehlt auch noch der Allmächtige in den Dankes- und »Shouts to«-Listen in den Booklets. Wenn das mal gut geht. Alias, der an diversen Anticon-Platten als Produzent beteiligt war, aber auch als Rapper auftauchte, etwa 1999 auf dem formidablen Deep-Puddle-Dynamics-Album, kokettiert mit dem zugegebenermaßen etwas fragwürdigen Etikett, »Goth-Hop« zu machen. Dass er sich dennoch so bald nicht beim einschlägigen jährlichen Großevent in Leipzig wiederfinden dürfte, davon darf ausgegangen werden. Regenverhangene Frequenzbänder, selten tanzbare Beats, metaphorisch verschraubtes Storytelling und eine – vordergründig – misanthrope Sicht auf die Welt dienen ihm dazu, so geht die Geschichte, mit seinem Debüt »The Other Side Of The Looking Glass« eine Replik auf ein nicht näher benanntes Stevie-Wonder-Album zu formulieren. Nun, von der durchaus doppelbödigen Fröhlichkeit des Motown-Soulmannes hat das nun wirklich ganz und gar nichts – außer vielleicht einer mehrfach gewendeten, gespiegelten und ausschnittvergrößerten Idee von, tja, Kitsch.
    Soeben noch bei Alias in einem möglicherweise zentralen Stück (»Opus Ashamed«) zu Gast, ist Dose (alias doseone), Anticon-Mitgründer und umtriebigster Angehöriger, bei Themselves (vormals Them) schon wieder Hausherr. Vergleichsweise munter sind die Beats des Kollegen (und »the drum machines premiere musician«) Jel, immer wieder jazzig die Samples und – unter den eingangs genannten Vorzeichen – geradezu uplifting die Grundstimmung. Für bounce-willige Jeepfahrer freilich auch kaum mitreißender als das jüngste »Dogma 95«-Opus für Multiplex-Dauerkartenbesitzer.

LABEL: Anticon

VERTRIEB: EFA

VÖ: 27.05.2002