Justin Vernon und Aaron Dessner als Big Red Machine. Foto: Graham Tolbert

Das klingt, als wollten Sie das Gefühl von damals nun mit Ihrer Plattform konservieren.
BD: Irgendwie ist es auch so. Oder besser gesagt: Wir wollen es auch anderen zugänglich machen. Es geht darum, Musik in einer direkteren Art zu teilen und damit eine Community zu schaffen.

NM: Im März 2017 trafen wir uns in Aarons Studio bei Hudson, New York. Wir wollten einfach mal eine Woche nichts tun und uns endlich darüber austauschen, was wir nun aus dem Event im Funkhaus machen könnten. Schnell merkten wir: Hey, die Technik existiert, lasst uns doch ein digitales Zuhause für die Musik schaffen, die aus einem solchen Prozess heraus entsteht.

TM: Genau, eine Anlaufstelle, wo Künstler_innen ihre Musik hochladen, Einnahmen aufteilen, Credits eintragen und alles selbst verwalten können. Wo niemand zwischen den Macher_innen und dem Publikum steht.

„Kultur besteht nicht aus Zahlen oder Daten. Und Menschen sind keine Märkte“ – Justin Vernon

Wollen Sie sich damit bewusst dem Modell der populären Streamingdienste wie Spotify oder Apple Music entgegen stellen?
BD: Zumindest ihren Dynamiken. Diese Plattformen sind sehr wettbewerbsorientiert, es geht darum, wer die meisten Likes, Follower und Marktanteile hat. Ungefähr so wie der Kampf um Beliebtheit in den sozialen Medien. Damit wollen wir nichts zu tun haben.

Denken Sie denn, dass Sie damit im ohnehin schon übersättigten Streamingmarkt überhaupt eine Chance haben?
TM: Streaming ist doch nur ein Werkzeug. Wir sehen uns nicht als Teil eines Markts und auch nicht als Konkurrenten der großen Player. Wir sehen People viel eher als Angebot für aktive Hörer_innen und wollen damit ein Gegengewicht zum passiven Musikkonsum herstellen.

NM: Es geht um einen gemeinschaftlichen und sozialen Blick auf Musik, nicht um einen technologischen oder wirtschaftlichen.

JV: Das ist der wichtigste Punkt. Kultur besteht nicht aus Zahlen oder Daten. Und Menschen sind keine Märkte. Dieses Zeichen wollen wir setzen.

BD: Was wir mit People machen, ist ohnehin viel näher an einer Radiosendung als an Spotify. Oder eben an einer digitalen Version eines alten Plattenladens?

Wie meinen Sie das?
BD: Sie können ziellos herumkramen, sich von der R’n’B-Ecke zu den alten Jazzplatten wühlen und so neue Sachen finden.

Tom und Nadine Michelberger

Aber ist das nicht gerade Spotifys Geschäftsmodell? Dort sind die alten Jazzplatten immer und überall nur zwei Klicks entfernt.

TM: People ist kein Konzept oder Geschäftsmodell.

BD: Der Unterschied ist, dass Spotifys Algorithmen keine Querverbindungen herstellen, wie das Menschen tun. Das ist für mich der zentrale Punkt von People: Es gibt keinen Alogrithmus. Real talk: Algorithmen töten die Vielfalt.

Stattdessen kuratieren Sie Sachen, die Sie persönlich für gut halten?
BD: Die Inhalte sind teilkuratiert, wenn man das so sagen kann (lacht). Wichtig ist dabei, dass es sich durch die Bank um Leute handelt, die wissen, was es bedeutet Künstler_in zu sein.

NM: Und sie entstehen ganz organisch daraus, dass mit der Zeit immer mehr Musiker_innen hinzukommen werden. Es sind ja jetzt schon über 160! Die werden Kollaborateur_innen hinzufügen, die dann eingeladen werden, ebenfalls Musik hochzuladen.

TM: Allen steht zudem zu jeder Zeit frei, ihre Musik wieder zu entfernen, es gibt da kein komplexes Vertragswerk. Die Kunstschaffenden sollen immer am Zug bleiben.