„Algorithmen töten die Vielfalt“ – Justin Vernon und Bryce Dessner im Interview zu ihrer neuen Plattform „People“

Foto: Graham Tolbert

Unter dem Namen People startet dieser Tage ein neues Streamingportal seinen regulären Betrieb. Mit Justin Vernon von Bon Iver, Aaron und Bryce Dessner von The National und den Berliner Hotelbetreibern Nadine und Tom Michelberger stehen potente Namen hinter dem Projekt, das sich nichts geringeres auf die Fahnen geschrieben hat als das Ziel, Kunstschaffenden die Macht über ihr Werk zurückzugeben. Wie das in Zeiten absoluter Marktdominanz von Spotify und Konsorten funktionieren soll? SPEX hat im Interview nachgefragt.

Streaming scheidet die Geister. Vor allem in der Musikwelt, die wie kaum eine andere Kulturbranche von dem Paradigmenwechsel betroffen ist. Auf der einen Seite jubeln die großen Labels, die durch geschickte Partnerschaften mit den wichtigsten Streamingdiensten nach Jahren der Krise wieder schwarze Zahlen schreiben. Auf der anderen Seite sieht sich eine Vielzahl kleinerer Künstler_innen von dem Geschäftsmodell von Spotify, Apple Music und Konsorten ausgebeutet, beklagt die lächerlich niedrige Bezahlung und fühlt sich vom playlisting der Konzerne noch weiter in die Nische gedrängt. Ähnliches hört man hinter vorgehaltener Hand von vielen Indielabels, die sich im darwinistischen Rennen um Klicks und Präsenz gegenüber den finanzkräftigten Majors auf dem besten Weg in den Ruin sehen. Das bedroht mittelfristig natürlich das Vitalorgan unserer Kulturlandschaft: ihre Vielfalt.

Aber was wäre eigentlich, wenn man die vorhandene Technik anders nutzen würde? Wenn man online eine utopische Community aufbauen würde, in der Kreative ihre Kunst selbstbestimmt teilen könnten? Bei der es nicht um wirtschaftliche und technische Aspekte ginge, sondern um die gemeinsame Liebe zur Musik? People, die neue Musikplattform um Justin Vernon von Bon Iver, Aaron und Bryce Dessner von The National sowie Tom und Nadine Michelberger, will genau das sein. Nach ein paar Monaten als Betaversion startet People nun ihm Rahmen des zweiten People Festivals im Berliner Funkhaus in die heiße Phase.

Das alles klingt nach einer guten Idee, klar. Aber wie soll das in Zeiten von 40 Prozent Marktanteil von Spotify funktionieren? Und ist ein solches Unternehmen für derart erfolgreiche Künstler wirklich mehr als ein teures Hobby? Oder, noch schlimmer, ein geschickter Marketingstunt?

Bryce Dessner, Foto: Peter Hundert

Wie kam es eigentlich zu der Idee, einen Streamingdienst zu starten?
Justin Vernon: Wie jede gute Idee, ist sie nicht in einem Vakuum, einem einzelnen Gehirn oder in kurzer Zeit entstanden. People entstand hauptsächlich aus Freundschaft heraus.

Nadine Michelberger: Aaron und Bryce sind ja schon per Geburt kollaborative Geister und Justin stand irgendwann in unserer Hotellobby, was dazu führte, dass wir uns anfreundeten. Er wollte schon länger etwas in Berlin machen und auch Tom und ich hatten Lust darauf, das 2011 von uns gemeinsam mit Aaron und Bryce veranstaltete Magical Mystery Festival auf ein neues Level zu heben.

„keine Firmen, keine Sponsoren, keine Nutznießer außer der Kunst selbst“ – Nadine Michelberger

Tom Michelberger: Es ging darum, die Sache anders anzugehen: Keine Gagen, keine Erwartungen, die Künstler_innen sollten selbst für ihren Input und Output verantwortlich sein, keine Firmen, keine Sponsoren, keine Nutznießer_innen außer den Kunstschaffenden und der Kunst selbst.

Daraus entstand dann 2016 das erste People Festival im Berliner Funkhaus, richtig?
NM: Genau. Die Grundfrage war, wie wir die großartigen Räume im Funkhaus nutzen und gleichzeitig das Format des Festivals neu denken könnten.

Bryce Dessner: Und die Idee mit der Plattform People geht auf diese Woche vor zwei Jahren zurück. Wir wussten absolut nicht, was dort passieren würde. Am Ende wurde es ein unglaublich lebendiges berührendes Event, bei dem die Musik im Mittelpunkt stand.

Erleben Künstler wie Sie nicht ständig solche Momente?
BD: (lacht) Okay, Justin, mein Bruder oder ich sind natürlich verwöhnte Musiker, die öfter als andere mit spannenden Projekten herumspielen können. Aber im Ernst, das hier war wirklich etwas Besonderes, das über viele andere Projekte hinausgeht.

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