Algiers – Marx und Engelszungen / SPEX präsentiert Neujahrskonzert & Ticketverlosung

Algiers live am Neujahrsabend – Pflichttermin aller, für die das Auseinanderdenken von Musik und Politik oder Musik und Religion oder Musik und Philosophie undenkbar ist. Und für alle anderen auch. Dazu veröffentlichen wir online die komplette Geschichte aus SPEX N° 361 und verlosen Tickets.

Hat nicht neulich jemand nach Musik mit Haltung verlangt? Hier ist sie. Algiers sind die Totenmesse einer kulturellen Hegemonie, die soeben ihren Bankrott erklärt hat. Sie spielen einen fahlen Post-Punk-Gospel, der klingt, als hätte jemand ein Traktat von Karl Marx in die Sonntagsmesse geschmuggelt, während vor der Tür die Welt untergeht. Elf Songs lang treten Religion, Moral und Konsum zum intellektuellen Tauziehen an. Am Ende bleiben 45 Minuten Protestmusik, mit der Algiers den Dämonen der westlichen Welt ins Auge blicken. Man spürt: So kann die Scheiße nicht weitergehen.

Franklin James Fisher muss darüber erst mal herzlich lachen. Der Frontmann von Algiers hat es sich in seiner New Yorker Wohnung auf einem Sofa bequem gemacht. Mit leichtem Südstaaten-Akzent spricht er freundlich und zuvorkommend, lacht dabei viel. Vom Kämpfer auf den Barrikaden keine Spur. »R.E.M. haben mal passend gesagt, dass Ironie die Fessel der Jugend sei«, stellt er fest. »Manche Dinge muss man verdammt noch mal ernst meinen.«

Schon früh wissen Fisher, der Bassist Ryan Mahan und der Gitarrist Lee Tesche, was sie mit Algiers nicht wollen: den Süden. »Dem Wahnsinn dort zu entfliehen, ist so etwas wie unser Leitmotiv«, sagt Fisher. Mit »Wahnsinn« meint er die bizarre Mischung aus christlicher Wärme, unterschwelligem Rassismus und offener Gewalt, die den US-amerikanischen Südstaaten in seinen Augen noch immer anhaftet. Also kehrten Algiers ihrer Heimatstadt Atlanta den Rücken, um in Europa zu studieren. Aus der Ferne verfolgten sie, wie George W. Bush im Irak einfiel, und begannen, ihre Wut musikalisch zu verarbeiten. Als Fisher in die USA zurückkehren musste, während der Rest seiner Band in London blieb, wurden Algiers zum transatlantischen Filesharing-Projekt.

Doch statt daran zugrunde zu gehen, profitieren Algiers von der Entfernung. Aus der Not haben sie ein Konzept gemacht: »Wir sind eine heimatlose Band, die jahrelang nicht wirklich existiert hat«, sagt Fisher. »So wollen wir auch klingen.« Algiers kultivieren einen blutleeren Sound im Stil der New Yorker No-Wave-Bewegung, gegen den Fisher mit aller Kraft ansingt: »Ich stemme mich gegen die Leere, das tue ich schon mein halbes Leben.« Doch dem Frontmann geht es nicht nur um die eigenen Befindlichkeiten. »Ein Stück weit will ich damit auch für die vielen Menschen sprechen, deren Stimme nicht gehört wird.«

In seinen Liedern über Politik zu singen, ist für Fisher nur logisch. Alle drei Bandmitglieder engagieren sich politisch, sie sehen im Pop das geeignete Sprachrohr für ihre Ansichten. »Ich kann doch keinen fröhlichen Song schreiben, während es der halben Welt dreckig geht«, sagt Fisher. Klingt nach christlicher Nächstenliebe, was natürlich kein Zufall ist. Fisher ist gläubig. Dass religiöse Überzeugungen die Forderungen seiner Musik entkräften könnten, lässt er jedoch nicht gelten. Der Rest der Band besteht schließlich aus Atheisten: »Dieses Spannungsfeld fließt direkt in unsere Songs ein«, sagt Fisher und erstickt jeden Zweifel daran im Keim. »Malcom X, Martin Luther King und T.S. Eliot waren Gläubige.« Manche Dinge muss man verdammt noch mal ernst meinen.

Algiers live 2016
01.01. Berlin – Volksbühne

Wir verlosen 2×2 Tickets für das Neujahrskonzert von Algiers in der Berliner Volksbühne. Wer gewinnen möchte, schickt einfach bis zum 26. Dezember eine Mail mit dem Betreff»Algiers« an gewinnen@spex.de. Bitte den vollständigen Namen nicht vergessen!

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