Alexis Taylor Await Barbarians

Alexis Taylor hat nicht nur den bebrillten Prototypen des Nerd 2.0 in der Populärkultur etabliert, er gilt auch als eine der signifikantesten Stimmen seiner Generation. Während er bei seiner Hauptband Hot Chip die High-Energy-Nachtigall gibt und beim Seitenprojekt About Group die Grenzen der männlichen Hysterie im Rockkontext auslotet, fällt der Gesang seiner Soloexkurse durch eine schlurfige Beiläufigkeit auf, die auf Anstrengung und jeglichen Druck verzichtet und vergleichbare Falsettkoryphäen wie Antony Hegarty oder Hayden Thorpe aufs Sanfteste in die Schranken weist. Taylor trällert so tiefenentspannt wie zu Hause auf dem Sofa – dort, wo angeblich auch Marvin Gaye am besten sang und daher von Konzerten in der Horizontalen träumte.

Das Private, das Heimische und der Einbruch der Realität in diese Idylle sind denn auch die Themen dieses zweiten Soloalbums des 34-jährigen Briten. Ähnlich der jüngsten Veröffentlichung von Damon Albarn wird dies in einen musikalisch angemessen minimalen Rahmen übersetzt, doch während Albarn bei seinen Alltagsbetrachtungen zu Melancholie und Grübelei neigt, zeichnet sich Taylors Meditation über die einfachen Dinge des Lebens (Familie, Freunde, Krankheit, Tod) durch leise Zuversicht aus und – siehe Titel – durch ein grundsympathisches Gottvertrauen angesichts deren trügerischer Geborgenheit.

Nun ist Taylors Schaffen formal wie inhaltlich schon immer von einem universellen, wenn auch nicht unironischen Zugriff auf die jüngere wie ältere Musikgeschichte geprägt, deren unterschiedliche Stile, Genres und Traditionen er sich oftmals nur einen Song lang aneignete. Await Barbarians macht hier keine Ausnahme, es ist ein schönes Sammelsurium bereits existierender Authentizitätsstrategien in der Popmusik geworden: Neben dem unmittelbaren Storytelling des Blues und den klaustrophobischen Waldschratwerken der jungen Bill Callahan und Will Oldham ist auch das 1979 in vollkommener Isolation entstandene zweite Soloalbum von Paul McCartney wieder ein wichtiger Bezugspunkt, dem Taylor, der auf Await Barbarians wie damals McCartney alle Instrumente selbst spielt, bereits auf dem Vorgänger Rubbed Out (2008) huldigte. Doch vor allem beschwört Taylor hier die legendäre Hippiekommune herauf, in der Ende der Sechzigerjahre Folkmusiker wie James Taylor, Joni Mitchell, Graham Nash oder David Crosby für kurze Zeit in der Abgeschiedenheit des Laurel Canyon lebten und arbeiteten.

Vor dem Hintergrund dieser historischen Referenzen entlarvt Alexis Taylor die eigene Aufrichtigkeit als vermeintlich artifizielle Pose und bewahrt seine Platte davor, zur allzu eitlen Nabelschau zu geraten. Mit dem selbstgewissen Gestus eines Märchenonkels legt das ehemalige Mauerblümchen ein frühzeitiges Alterswerk vor, das in seiner Entrücktheit nicht weiter entfernt sein könnte von den offensiven Positionen zeitgenössischer Dance Music. Ein Sea Change ohne Scientology, ein Quiet Is The New Loud ohne New Acoustic Movement. Hier finden mehr Revolutionen pro Minute statt als bei den immer formelhafter agierenden Hot Chip.

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