Album-Vorabstream: Titus Andronicus The Most Lamentable Tragedy

Das komplette, extramännliche Album von Titus Andronicus im Vorabstream samt einer kurzen Geschichte über den Einzug des Wahnsinns in die Rockmusik.

Kleiner Scherz. Die Geschichte über den Einzug des Wahnsinns in die Rockmusik muss Patrick Stickles erzählen, und der kann nicht so gut in kurz. Seit 2005 schreibt, singt, spielt er für die Band Titus Andronicus aus Glen Rock, New Jersey. Er ist jetzt 30 Jahre alt und beim vierten Album angekommen, es war also Zeit für etwas Größeres. The Most Lamentable Tragedy zitiert den Untertitel der Shakespeare-Tragödie, nach der sich Titus Andronicus benannt haben; es kommt auf 29 Stücke in 93 Minuten; und ja, es ist ein Konzeptalbum, eine Rockoper, eine Tribut-LP, ein verkapptes Best-of. Wahrscheinlich sogar ein Flugzeugträger.

Oder es ist ein Gesichtstattoo. So zumindest fühlt es sich an für Stickles, der auf The Most Lamentable Tragedy über einen manisch-depressiven Hauptdarsteller und sein Verhältnis zu einer nicht näher definierten Clique von Super Mario Brothers singt, belegt mit einem ebenso wenig näher definierten kosmischen Fluch. Der Sänger bezeichnet das Projekt als all-in commitment, nach dem es kein Zurück mehr geben kann in den Schoß der Gesellschaft oder wenigstens zu handelsüblichen Rock’n’Roll-Formaten. Erzählt wird topmodern nicht-linear und mit Verweisen auf Nietzsche, Daniel Johnston, The Pogues, Silvesterknaller und das eigene Werk, das Stickles durch Rückgriffe auf alte Songtitel und -fetzen sowie Fortsetzungen und Neuaufnahmen bereits geschriebener Stücke einbezieht. Kurzum: ein intertextueller und -disziplinärer clusterfuck mit Saxofon, den Titus Andronicus noch einmal dadurch verkomplizieren, dass sich ihre Musik anhört, als wollten sie die besten Kneipenschlägereien der Filmgeschichte in ein- bis zehnminütigen Rocksongs nachstellen.

The Most Lamentable Tragedy klingt nach Hüsker Dü, Springsteen, The Modern Lovers, Polizistenbegräbnissen in Baltimore und der besten Platte, auf der Bon-Jovi-Keyboarder David Bryan nie gespielt hat. Seinen engsten Verwandten jedoch findet das Album in Fucked Ups David Comes To Life, einer ähnlich ausufernden Rockoper von Gesinnungspunks, in der schwer zu fassende Texte mit der konkreten Wirklichkeit von Gitarrenriffs, Drumfills und Rhinozerosgesang kollidieren. Wo aber Fucked Up jeden Akkordwechsel am Lineal entlangziehen, manifestiert sich der Kontrollverlust bei Titus Andronicus immer auch musikalisch, in Wiederholungen, Abbrüchen, Pausen, Übersteigerungen, Raserei und Schnapsideen. Man denkt zum Beispiel: Das Letzte, was diese Band noch gebrauchen könnte, sind Streicherarrangements von Owen Pallett – und schon kommt der Fiedelfredi um die Ecke gegeigt.

Die extramännliche Ausgestaltung von The Most Lamentable Tragedy muss man natürlich ertragen können – die breiten Beine und tief hängenden Gitarren, den Bierkehlenmännerchor, die Bärte und den ganzen Schweinsgalopp. Dafür gibt es aber etwas mitzunehmen, a glimpse inside the mind of Patrick Stickles, dem letzten Mann vielleicht, der noch glaubt, dass Rock’n’Roll uns retten wird. Selbst schuld, denkt man immer wieder. Und wundert sich am Ende, wie nahe der einem damit kommt.

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