Album der Ausgabe: Serpentwithfeet „Soil“ / Review

Der doppelte Mond auf dem Cover von Serpentwithfeeds Debütalbums Soil suggeriert die Existenz eines Paralleluniversums, in dem Queerness der Normalzustand ist. Die Songs reflektieren Momente der Scham, Verleumdung und Zurückweisung. Es sind diese jahrelang unterdrückten Gefühle, die mit einer unnachgiebigen Vehemenz nach Artikulation drängen.

Josiah Wise zählt zu den schillerndsten Erscheinungen in der LGBTQ-Szene von New York. Er hat ein Faible für Puppen und Kuscheltiere, trägt grellen Lippenstift und Glitter in seinem gefärbten Bart, dabei gleichzeitig ein schweres Septum und Rüschenhemden. Neben den Worten „Heaven“ und „Suicide“ ist ein Pentagramm auf seine Stirn tätowiert. Wise lässt sich nicht in die Zwangsjacke einer heteronormativen Gesellschaft stecken. Sein exzentrischer Look ist wie seine musikalische Identität eine Assemblage unterschiedlicher Narrative und Symboliken. Er selbst ist dabei kein Ikonoklast, sondern folgt der Geste der Appropriation. Selbstermächtigung meint in diesem Zusammenhang, sich bereits bestehende Sprachen anzueignen, um diese zu subvertieren und Bedeutungen zu verschieben.

Der doppelte Mond auf dem Cover seines Debütalbums Soil unter dem Künstlernamen Serpentwithfeet suggeriert die Existenz eines Paralleluniversums. In diesem gibt es weder fixe Identitäten noch die eine Wirklichkeit. Queerness ist Normalzustand. Spiritualität spielt eine große Rolle im Leben des Musikers, der seine Jugend in einem streng gläubigen Umfeld verbracht hat und seine Homosexualität lange Zeit geheim halten musste. Sein Alias referiert auf die Schlange im christlichen Schöpfungsmythos, die sich, bevor sie den Menschen verführt, noch auf vier Beinen fortbewegt. Wise sang lange im Kirchenchor, erfuhr dort quasi seine musikalische Sozialisierung. Mit Soil kehrt er zu diesen Wurzeln zurück, um mit der Vergangenheit abzurechnen. Der Großteil der Songs bezieht sich auf die Zeit vor seinem Coming-out. Sie aktualisieren den vergangenen Schmerz und reflektieren Momente der Scham, Verleumdung und Zurückweisung. Es sind diese jahrelang unterdrückten Gefühle, die mit einer unnachgiebigen Vehemenz nach Artikulation drängen.

Soil reibt sich an zwei Polen auf – dem Mainstream und der Subversion.

Eine zentrale Rolle bei der Aufarbeitung spielt der Gospel. Der Kirchengesang wird bei Serpentwithfeet zu einer Sprache der Selbstbestimmung. Seine emotionale Tragweite bildet das Rückgrat der Songs. Schon als Teenager konnte Wise im Gospel seinen Gefühlen freien Lauf lassen. Er liefert die passende Übersetzung für die zehrende Sehnsucht, die all seine Songs durchwirkt. Diese leben von der eindrucksvollen Stimme des Künstlers, die so nah und intim klingt, als hätte er sie a cappella eingesungen. Als klassisch ausgebildeter Sänger ist es Wise möglich, mühelos zwischen den Stimmlagen zu wechseln. Dabei befreit er diese bewusst von Genderzuschreibungen. Serpentwithfeet scheint viel von den großen weiblichen Sängerinnen gelernt zu haben. Der trotzige Stolz, mit dem er seine Songs vorträgt, erinnert an Nina Simone, die extravagante und verletzliche Abgründigkeit an Björk und die virtuosen Melisma-Läufe an Whitney Houston oder Mariah Carey. Dass sein Gesang dabei etwas Manieristisches hat, stört nicht. Die Übertreibung ist Stilmittel. Seine verschnörkelte Stimme irritiert unsere Erwartungen und zeugt ebenso wie sein exaltierter Look von der Freude an der Inszenierung und der Notwendigkeit transgressiver Performativität.

Die eigentliche Grenzüberschreitung findet auf Soil aber in den Lyrics statt. Dort werden das „Him“, der Name des Vaters, des großen Anderen, und das „You“ zum zweideutigen Adressaten seiner Geständnisse. Serpentwithfeet verkehrt Lieder über spirituelle Liebe in Songs, die von körperlicher Sehnsucht und queerer Hingabe erzählen. Dabei bleibt das Pronomen leer, das Objekt des Begehrens unbenannt. „Gospel ist romantische und dekadente Musik“, hat Wise einmal gesagt. „Es geht darum, besessen sein zu wollen und sich dem Herrn zu unterwerfen.“ Dabei denkt er auch an die verhängnisvolle Beziehung zwischen Homosexualität und Christentum und legt den Finger auf eine vernarbte Wunde.

Soil lädt sich an dieser schizophrenen Spiritualität auf. So stark dieser Kunstgriff ist, so überraschend und bisweilen enttäuschend erscheint jedoch die Konformität des Sounds. Wise schöpft zwar aus den Erfahrungen einer Minderheit, möchte aber Songs für die Mehrheit schreiben. Er sucht Zuflucht in vergleichsweise leicht bekömmlichen Harmonien und Erlösung in der Perfektion. Gab es auf der Vorgänger-EP Blisters durch die Zusammenarbeit mit Haxan Cloak noch experimentelle Ansätze, hat der Adele-Produzent Paul Epworth diese nun geglättet. Soil reibt sich damit an zwei Polen auf – dem Mainstream und der Subversion, der Konvention einer widerstandsfreien Konsumierbarkeit und dem drängenden politischen Subtext. Vielleicht liegt darin auch seine Stärke.

Diese Albumkritik ist in SPEX No. 380 erschienen, das Heft ist nach wie vor versandkostenfrei im Onlineshop bestellbar.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .