Album der Ausgabe: PJ Harvey »The Hope Six Demolition Project« / Review

Die Hoffnung liegt unter dem nächsten Walmart begraben.

Bekackte Lügenpresse schon wieder. Da ließ sich PJ Harvey von einem Reporter der Washington Post durch Ward 7 fahren, übernahm seine Anmerkungen zu dem heruntergekommenen Bezirk der US-Hauptstadt weitgehend wortgetreu in einem Songtext über Elend und Ausweglosigkeit im Hinterhof der Macht (Weißes Haus, Pentagon, Capitol, Supreme Court: alles nur eine Flussüberquerung entfernt), kulminierte mit messianischer Inbrunst und Gospelchor in der Zeile »They’re gonna put a Walmart here« – und musste schließlich feststellen, dass der scheiß Walmart doch nicht gebaut wird. Es bleibt bei einem Restaurant in Ward 7, einer schäbigen Schule und einer »homeland security base«. Früher war sie mal ein Irrenhaus.

Das neunte Album von PJ Harvey beginnt genauso wie das achte: gleich mittendrin.

Man kommt gar nicht dazu, diese Fakten aus den zwei Strophen von »The Community Of Hope« zu sortieren, so unvermittelt bricht der Opener von The Hope Six Demolition Project über einen herein. Das neunte Album von PJ Harvey beginnt also genauso wie das achte: gleich mittendrin. Anders als die fünf Jahre alte Jahrhundertplatte Let England Shake handelt der Nachfolger aber auch vom Mittendrin. Es geht um Augenzeugenberichte aus Washington, D.C. und aus diversen Regionen in Afghanistan und Kosovo, um das Krisenmanagement der einen, die Krisenherde der anderen und die meist schwindelerregenden Zusammenhänge zwischen beiden. Wenn in Kabul ein Sack Reis umfällt – na dann vielleicht, weil ein Taliban mit seiner einst von der CIA zugeschusterten Panzerfaust draufgehalten hat.

Harvey schießt solche postapokalyptischen Beklemmungsszenarien meist locker aus der Hüfte. Ihr Ward-7-Song hoppelt sogar derart vergnügt zwischen Zombiejunkies und Todesautobahn herum, dass einige unmittelbar betroffene Hörer bereits monierten, er zeichne ein unvollständiges, empathieloses Bild ihres Viertels. Dieser Kritik entgeht die schwarzhumorige Stoßrichtung von »The Community Of Hope«: Neben neu entdeckter Hemdsärmeligkeit, Bluesskalenritten und körperbetonten Saxofonsoli greift The Hope Six Demolition Project immer wieder auf die Strategie des kleinen gemeinen Nadelstiches zurück, um seiner Thematik die Schwere zu nehmen.

Rockmusik, das ewige Schmuddelkind der Kunst, das alles fragt und nie etwas beantwortet.

Es geht schließlich immer noch um Rockmusik, das ewige Schmuddelkind der Kunst, das alles fragt und nie etwas beantwortet. Als wollte sie ihren Hörern diese Tatsache extra genüsslich unter die Nase reiben, bevölkert Harvey die eben noch free-jazzig zerdehnten, dann schon wieder Riff-donnernd zusammengestauchten Rocksongs auf The Hope Six Demolition Project mit allerlei Call-and-response-Gesang. Dabei gibt es keine Gespräche auf der Platte, nur für sich sprechende Beobachtungen von Zerstörung und Verfall. Die Mauer, gegen die sich SPEX-Titelheldin Anohni werfen möchte, ist bei PJ Harvey längst zusammengestürzt. Fliegerbombe vielleicht. Oder Abrissbirne. Die Hoffnung liegt jedenfalls unter dem nächsten Walmart begraben.

Ein ausführliches Interview mit dem Fotografen und Filmemacher Seamus Murphy, der zu PJ Harveys neuem Album Bilder und Videos beisteuerte, ist in der aktuellen SPEX N° 368 erschienen, die hier versandkostenfrei bestellt werden kann. 

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