Album der Ausgabe: Kate Tempest „Let Them Eat Chaos“ / Review

Ein Loch, wo die Liebe sein sollte: Auf Kate Tempests zweitem Album stehen sieben nachtwache Menschen ihren eigenen Existenzen als Fragezeichen entgegen, die ihre Antworten ahnen und sie doch nicht wahrhaben wollen. Pathos? Post-Brexit – Finger in die Wunde!

Kate Tempest mag und macht Drama, nicht allein auf Theaterbühnen. Die Britin hat ein Polit-Pathos perfektioniert, das gerne als Haltung einer ansonsten haltlosen Generation gelesen wird: Menschen in einem Alter von irgendwas mit 20 oder knapp 30 Jahren, mittelschichtig und doch nicht, allemal aber mit einem Arsch voller Probleme. Je schlechter also die Zeiten für alle, desto besser für Kate Tempest. Let Them Eat Chaos heißt ihr neuer Gedichtband, der nach einem Diktum aus dessen Vorgänger Hold Your Own – „Language lives when you speak it / Let it be heard“ – in ein Album verpackt wird. Er kommt kurz nach ihrem gefeierten Debüt als Romancière mit Worauf du dich verlassen kannst. Gute Zeiten für Kate Tempest, manchmal auch mit ihr. Dabei geht es ihr in Gedichten, Alben oder Romanen doch um die schlechten, die nicht unbedingt am rechten Ort verbracht werden.

Eine besonders schlechte Zeit ist 4:18 Uhr morgens in London post-Brexit, mid-austerity – sowieso nicht der rechte Ort für irgendwen. Wie ihr Debütalbum Everybody Down bündelt Let Them Eat Chaos präzise situierte Rollenprosa, die erst zu Lyrik kondensiert und dann als Rap-Dreiakter dramatisiert wird. Eine Straße, eine Uhrzeit, sieben Einzelschicksale und am Ende öffnen sich alle Schleusen. Die Beats dazu werden auf ihre metronomische Funktion heruntergebrochen, ein paar effektvoll eingesetzte Synthie-Kaskaden oder zurückhaltende Gitarrenklänge schmücken die Bühne der alles über- und in alle hineinschauende Erzählerin.

Tempests Personal ist Entfremdungskabinett.

Tempests Personal ist Entfremdungskabinett. Kids, die früher Ketamin zum Frühstück zogen und heute noch betrunken nach Hause torkeln, wenn sie nicht gerade halbnüchtern über der Spüle von existenzieller Verzweiflung eingeholt werden. Tempest moderiert sie an, schlüpft in sie rein. Name, Kurzbio des Versagens, los geht’s. Die Allwissende spricht über und aus ihren Figuren mit genau der radical empathy, die sie schon in Hold Your Own forderte. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als ruinierte Kindheiten, ruinierte Liebe und ein ruiniertes Europa. Weil Tempest das mit der Radikalität ernst nimmt, nimmt sie das Wort bei seiner Wurzel und sucht nach den Wurzeln des Übels derjenigen, die ihren Ursprung in Tempests Kopf und ihre Vorbilder im neoliberalen Alltagsabfuck haben. Da ist die Gentrifizierung einerseits, da ist die grundlegende Bedeutungslosigkeit von bullshit jobs andererseits.

Vor allem aber ist da ein Loch, wo die Liebe sein sollte. Wie sich die sieben nachtwachen Menschen nicht kennen, obwohl sie doch in derselben Straße wohnen, kennen sie eigentlich niemanden so richtig. Mehr noch stehen sie ihren eigenen Existenzen als Fragezeichen entgegen, die ihre Antworten ahnen und sie doch nicht wahrhaben wollen. Viel Pathos eben, von Tempest aber pointiert in ihre Erzählung integriert, weil sie den Mangel vom (Er-)Leben gekonnt rapschauspielt. Und weil sie die Ersatzstoffe für diesen Mangel kennt, ob nun das Ablenkungsangebot hinter den Screens oder das Zeug, welches mit heillos überzogenen Kreditkarten darauf zurecht geschoben wird.

Eine Straße in London wird zum Pars pro toto für die nordwestliche Welt, über die Tempest um ziemlich genau 4:18 Uhr einen Sturm hereinbrechen lässt. Sturm, Tempest, geddit? Der indes kommt wie ein Erlöser über die Stadt, bringt Regen über die Regungslosen und sieben perfect strangers auf der Straße zusammen. Auf erstes Chaos folgt Katharsis. Die heißt hier vielleicht Revolution, der Track dazu aber „Tunnel Vision“. In schlechten Zeiten will Tempest es wohl besser machen und den Finger auf die Wunde legen, während ihn andere nur zum Links- oder Rechtswischen benutzen. Dafür muss sie alles etwas einfacher machen, als es vielleicht ist, dafür muss sie ihre eigene Ohnmacht eingestehen. Let Them Eat Chaos weigert sich, die volle Verantwortung zu übernehmen. Tempests Claim nach Liebe für alle ist letztlich nicht widerspruchslos, er bietet sich aber als utopische Lösung an: „I’m pleading with my loved ones / to wake up / and love more“, lauten die letzten Worte von Let Them Eat Chaos. Dann erhebt sich die Musik zum ersten und letzten Mal aus ihrer Hintergründigkeit und macht eine sprachlose Hoffnung hörbar. Das Drama ist fürs Erste vorbei.

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