Album der Ausgabe: JaKönigJa »Emanzipation im Wald«

Sängerin und Cellistin Ebba Durstewitz versieht jeden gängigen Pop-Jargon mit einem Maulkorb – Innerlichkeitspathos? Fehlanzeige.

Fans der Hamburger Band JaKönigJa müssen etwas Zeit mitbringen. Acht Jahre sind seit Die Seilschaft der Verflixten vergangen. In der Zwischenzeit sind Ebba Durstewitz und Jakobus Durstewitz (geb. Siebels), die mit Marco Dreckkötter das aktuelle Line-up bilden, aufs Land gezogen. Als Kommentar zum eigenen Lebenslauf will das Paar sein neues Album trotz des Titels allerdings nicht verstanden wissen. Emanzipation im Wald, die ersten Intuitionen sind absehbar. Ja, der Wald, zumal der deutsche, weckt zweifelhafte Assoziationen: von Ernst Jüngers Waldgänger bis zum neobiedermeierlichen Muff der Das-geheime-Leben-der-Bäume-Leser. Geschenkt, denn JaKönigJa wären nicht die idiosynkratischste Band, die je aus der Hamburger (Pudel-)Schule hervorgegangen ist, würden sie dem kontaminierten Stoff nicht Wunderliches entlocken. Die Natur ist für sie kein idyllischer Fluchtpunkt, sondern eine Zone des Unheimlichen, in der man verloren gehen, aber auch Zuflucht finden kann. Viele Stücke auf Emanzipation im Wald handeln von Ortlosigkeit und der Suche nach anderen Orten.

Ihre innere und äußere Wanderschaft fasst die Sängerin und Cellistin Ebba Durstewitz in ein Vokabular, das jeden Jargon des Authentischen, überhaupt jeden gängigen Pop-Jargon, mit einem Maulkorb versieht. Kleinmütige Zeitgenossen mögen ihre aus kantigen Vokabeln gebildeten Zeilenkaskaden steif und verkopft finden, doch hat diese Kunstsprache aufwühlende Wirkung. Gleich der erste Song ist eine direkte Adresse: »Woher kommst du denn? Und was willst du eigentlich?« Gute Fragen, würde die bezaubernde Westcoast-Gitarre nur nicht so vom Nachdenken ablenken.

Ein Roadtrip beginnt. Endstation: Sehnsucht.

Die von den Vorgängeralben vertraute Klangsignatur, die sich aus Quellen wie Van Dyke Parks, The High Llamas und Free Design speist, wird hier mit einer an Obsession grenzenden Detailliebe ausformuliert und ganz ohne Beflissenheit auf den Punkt gebracht. Sehr wenig richtiges Schlagzeug ist zu hören, dafür viel Mandoline, Posaune, Klavier, Cello und Percussion. Die Songs klingen oft peripher und easy, um sich dann aus dem Nichts zu intimen Intensitäten zu verdichten. Von einem verstohlenen Discogroove landet man bei einem schrullig-folkigen Marsch, von jugendlicher Euphorie bei der connaisseurhaften Abgeklärtheit von forty somethings.

Die Art, wie JaKönigJa Abzweigungen nehmen, erinnert an die zurückgelehnte Komplexität brasilianischer Musik. Wie im Tropicalismo oder in der Música Popular Brasileira sprießen die Melodiebögen, verästeln sich die Zwischentöne, und am Ende des Songs fühlt sich alles wie verwandelt an. Jene »Expedition«, von der Durstewitz in »Polar« berichtet, wäre eine ideale Metapher für diese Art des Songwritings. Brazilesk sind auch die indifferente Grundlaune (»so lala«, wie es im selben Song heißt) und eine immer mitschwingende Melancholie, die nie strategisch auf konkrete Atmosphären abzielt, sondern sich eher an jener »vacuum-like neutrality« orientiert, die Durstewitz kürzlich in einem Text für das Magazin Travel Almanac bei ihrem Lieblingsschriftsteller Fernando Pessoa ausmachte.

Eben diese Neutralität ruft sie mit einem Gesangstil auf, der jedes Innerlichkeitspathos vermeidet und den Umständen mit einem distanzierten Ennui begegnet. Und man muss es so dramatisch sagen: Die Musik von JaKönigJa appelliert an ein Außen, das ökonomische und ästhetische Sachzwänge hinter sich lässt. Der Wald ist nur eine mögliche Chiffre dafür. Das Album hinterlässt ein beglücktes Staunen darüber, dass so eine Fülle in Zeiten aller möglichen Krisen noch möglich ist. Eigentlich gehört diese Band in die opulenten Studios sogenannter besserer Zeiten. Emanzipation im Wald ist von einer produktiven Nostalgie getrieben, die nicht im Vergangenen verharrt, sondern die Erinnerung ins Offene weitertreibt – und somit so befreiend ist wie ein Waldspaziergang im Dickicht abseits der ausgeschilderten Pfade.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here