Album der Ausgabe: Iggy Pop »Post Pop Depression« / Review & Vorabstream

Kluger Kompromiss: Post Pop Depression muss nicht zwingend die letzte Platte von Iggy Pop bleiben, aber es ist ziemlich sicher sein letztes Rodeo.

Huhu, Iggy Pop ist zurück! Aber Mist, Mann, er verdrückt sich gleich wieder. »I’m gonna break into your heart«, singt er zur Eröffnung seines neuen Soloalbums, dann, noch bedrohlicher: »I’m gonna crawl under your skin«. Und weg ist er. Sechseinhalb Jahre nach seiner letzten regulären Soloplatte, dem zwischen Fahrstuhl und Afterwork-Lounge steckengebliebenen Iggy-as-Cohen-Experiment Préliminaires, schlägt der Sänger einen Ton an, der viel besser passt zu seiner Paraderolle als selbstironischer Lebemann mit Dreck am Stecken (und ein paar Glasscherben im Rücken). Es geht um Dominanz und Schweinkram, ums letzte Hallo eines horny old fart, der sich mit schiefem Grinsen und warmen Worten aus jeder potenziell heiklen Situation herausmanövrieren kann. Und dann geht’s auch darum, was passiert, wenn all der harmlose Spaß plötzlich nicht mehr ganz so harmlos ist.

Auf »Break Into Your Heart« folgt »Gardenia«, Iggys bester Song seit 40 Jahren und noch ein degeneriertes Liebeslied. Mit einer Mischung aus Bettel- und Befehlston kniet sich der Protagonist vor seiner Titelheldin hin, aber es hat keinen Sinn mehr, Gardenia ist längst woanders, nur die Erinnerung bleibt, an ihren »hourglass ass« – hochnotpeinlich und irgendwie rührend. Nun ist es zwar verlockend, das Stück der continuity wegen in der Tradition von »I Wanna Be Your Dog« zu sehen – Unterwerfung, Untergang und so weiter. Eine weniger derangierte Version von Grindermans »No Pussy Blues« kommt jedoch eher hin. Iggy wahrt die Fassung und rettet den Ohrwurm. Passend dazu trägt er inzwischen die auch von Nick Cave kultivierte Uniform des gealterten Playboys: Jackett, Stiefeletten ohne Socken, das Hemd abenteuerlich aufgeknöpft.

Iggy sieht das Ende in einem Sonntag, im eigenen Schatten, in den Aasgeiern am Straßenrand.

Die Musik dahinter trägt Joshua Hommes Handschrift. Mit den Queens Of The Stone Age unterhält der Kalifornier die wahrscheinlich letzte in allen Gesellschaftskreisen akzeptierte Hardrock-Truppe. Für Post Pop Depression entwirft Homme einen schlanken Sound, der die Trademarks seiner Hauptband – stringente Melodieführung, quirlige Gitarrenlicks, trockenes Bassgrummeln, kopflastiger Harmoniegesang – sehr schön auf die Eigenheiten von Post Pop Depression abstimmt. Statt in zivildiensthafte Ehrerbietungen zu verfallen oder die Herangehensweisen anderer berühmter Iggy-Kollaborateure zu kopieren, startet Homme immer dann durch, wenn er sich über jeden angebrachten Rahmen hinauswagt. »Sunday« endet als Trauermarsch für zehn Blasinstrumente und ein Streicherquartett. »Paraguay« kapituliert mit seinem Männerchor vor Iggys finalem Wutanfall (irgendwas ist mit seinem Laptop). »German Days« ist nicht nostalgisch, sondern doppelt nostalgisch: der Text mehr Weimarer Republik als Westberlin, die Musik ein Kissenschlacht-Update von Hommes erster Stoner-Rock-Band Kyuss.

Nicht nostalgisch, sondern doppelt nostalgisch: der Text mehr Weimarer Republik als Westberlin.

All die Scherze und schlechten Sexversuche sind für sich genommen schon köstlich. Sie erzählen weite Teile der relevanten Rockgeschichte nach, ohne mit einem konkreten Wort darauf eingehen zu müssen. Sie sind aber auch eine Art des Herumredens um den heißen Brei, zu dem Post Pop Depression erst allmählich kommt. Je länger die Platte läuft, desto klarer erkennt Iggy die Zeichen: Er sieht das Ende in einem Sonntag, im eigenen Schatten, in den Aasgeiern am Straßenrand oder im südamerikanischen Wahlexil. Eigentlich sieht er das Ende also überall – und ganz besonders in »American Valhalla«, einem dahinschleichenden Rocksong mit Vibrafon und Abschlussexplosion, der eine Irrfahrt auf dem Weg in die Ahnenhalle der Popkultur beschreibt. Gehört Iggy Pop da mit rein? Zu all den Freunden, die schon mal vorgegangen sind? Oder sollte er den Laden doch lieber abfackeln?

Am Schluss findet Post Pop Depression zu einem klugen Kompromiss, den Ready To Die, das Album zur Stooges-Reunion vor drei Jahren, noch erfolglos angestrebt hatte: Es muss nicht zwingend die letzte Platte von Iggy Pop bleiben, aber es ist ziemlich sicher sein letztes Rodeo. Absicht und Ausdruck finden noch einmal zusammen, als Idealfall und gleichzeitige Karikatur eines gemeinsamen Alterswerks von Superstar und Superfan. Und Iggys letzte Worte sind auch gut: »I’m gonna go heal myself now / Yeah!«


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Dieser Text ist neben vielen weiteren Film- und Musik-Features in SPEX No. 367 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.

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