Album der Ausgabe: Anna von Hausswolff „Dead Magic“ / Review

Die Pfeifenorgel? Bands wie Arcade Fire und Muse, deren Songs vor Pathos strotzen, haben bereits Gebrauch von ihr gemacht. Anna von Hausswolff aber gelingt es, die Orgel zu ihrer uranfänglichen Dramatik zurückzuführen. Hier kommt die hoffnungsloseste Platte des jungen Jahres.

Anna Michaela Ebba Electra von Hausswolff arbeitet mit einer Pfeifenorgel. Seit vier Alben verleiht sie ihrem Sound eine rituelle, religiöse und damit uranfängliche Dramatik. „Funeral-Pop“ schlagen die Musik-Apps automatisch als Genre vor, wenn man eine von-Hausswolff-CD in den Laptop schiebt. Sollte das ein Witz sein, ist es einer, der auch mit Dead Magic wieder aufgeht. Schon das erste Stück beginnt bei unheilvollem Rauschen, die Orgel klingt nur scheinbar hoffnungsfroh. Von Hausswolff setzt ihre Stimme jedoch ungewohnt sanft und lieblich ein, untermalt von Streichern. Man fühlt sich in den Wald versetzt, fasziniert von der Majestät der Bäume, von Tiergesang, Bachrauschen – und nahendem Ungemach. „The Truth, The Glow, The Fall“ ist eine betörende Komposition und mit zwölf Minuten auch nicht zu kurz. Die Künstlerin ist jedoch nicht interessiert an der reinen Naturkitschbeschreibung, die das Stück heraufzubeschwören scheint. Jedem Tageslicht folgt die Dunkelheit der Nacht: Ein schauriges Heulen legt sich über die Wassergeräusche, die Orgel tönt tiefer und gewaltiger, von Hausswolff wechselt schließlich ins Krächzen. „Feel the fall / Feel the fall / Feel the fall“. Ein Ende ist nah. Aber welches?

Wie schon auf von Hausswolffs letztem Album The Miraculous aus dem Jahr 2015 ist auch auf Dead Magic eine Nähe zum Unbewussten, Irrationalen und dem Tod allgegenwärtig. Fragen nach einem kulturpessimistischen Ansatz sind deshalb auch für Dead Magic von Bedeutung – aber erneut bleiben die Anhaltspunkte vage. Die wenigen Textfragmente, die von Hausswolff liefert, erinnern an die anthropologische Tradition von Hans Blumenberg und Arnold Gehlen. So sieht die Musikerin aus Göteborg in der Magie eine Antwort auf die Urängste des Menschen. Mythen haben eine Funktion: Sie liefern eine Erklärung für die Welt und nehmen uns dadurch die Angst, entlasten den Menschen. Aus kulturwissenschaftlicher Sicht ist das natürlich umstritten. Doch es bleibt verlockend, sich auf von Hausswolffs Ideen einzulassen. Schon ihr schreibender Landsmann Walter Ljungquist stellte schließlich fest: Legenden werden nur dort geboren, wo Unendlichkeit auf unbekannte Stille trifft. Da es beides nicht mehr gebe, fuhr auch er kulturpessimistisch fort, könne es auch keine großen Geschichten mehr geben.

Von Hausswolff kennt diesen Ausspruch und bezieht sich mit Dead Magic auf das Motiv einer entzauberten Welt. Mit dem Tod des Mythos wirft sie den Menschen in einen Raum voller Chaos und Angst. Allerdings ist dieser Tod für sie nicht nur das Ende, sondern auch der Anfang von allem: ein Paradoxon und immerwährender Kreislauf. Denn der Mythos kann nie sterben, in ihm sind die stets wiederkehrenden Urbilder des Menschen aufgehoben. Der Mythos frisst und produziert die Angst des Menschen vor dem Tod. Diesen Umstand verarbeitet Hausswolff auf Dead Magic mit einem Kunstgriff: Sie lässt sich selbst sterben.

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„The Mysterious Vanishing Of Electra“ thematisiert ihr eigenes Verschwinden und fragt zynisch: „Who is she to say goodbye?“ Damit besiegelt von Hausswolff einen Tod des Ichs im eigenen Werk, der doppeldeutig zu verstehen ist: Ähnlich wie durch Kirsten Dunsts Darstellung von Depression in Lars von Triers Melancholia entsteht auch hier ein Klangbild der Kraft- und Hoffnungslosigkeit. Dead Magic, tote Magie, die auch gegen sich selbst arbeitet, verursacht ihr eigenes Verschwinden, erzeugt Depression und Angst. Mit dem Verschwinden der Protagonistin stirbt auch die Autorin des Werks. Somit entzieht sie sich, sowohl explizit in ihren Pressetexten als auch durch ihre Songs, der Interpretation. Eine Bedeutung kann der Song deshalb erst durch sein Publikum erhalten.

Und die Pfeifenorgel? Bands wie Arcade Fire und Muse, deren Songs vor Pathos strotzen, haben im Pop bereits Gebrauch von ihr gemacht. Die Coolness des Instruments steht also nicht mehr zur Diskussion. Von Hausswolff aber gelingt es, die Orgel gerade nicht mit Pathos aufzuladen und stattdessen zur eingangs erwähnten uranfänglichen Dramatik zurückzuführen. Auch deshalb ist Dead Magic ein Album, das als Ganzes gehört werden muss. Nicht nur im Kontrast von Orgel und Popsong, von klassisch-motivhafter Komposition und gejammten Arrangements führt es zwei Ebenen zusammen, die sich vermeintlich ausschließen. Gegensätze bestimmten die gesamte Dynamik der Platte. So hoffnungsvoll, so hoffnungslos.

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