Album der Ausgabe: Algiers „The Underside Of Power“ / Review

Mit ihrem zweiten Album unternehmen Algiers einen großen Schritt: Sie eignen sich die Sounds an, deren Fans sie bisher waren. The Underside Of Power klingt endlich ausformuliert – und nicht mehr wie der Album gewordene Beweis für ein größeres Konzept.

Gospel stemmt sich gegen Postpunk – mit dieser unwahrscheinlichen Formel wurden Algiers aus Atlanta bekannt. Auf der einen Seite hörte man die Gospeltradition der Südstaaten und Motown-Soul der Siebziger, auf der anderen stand Washington-D.C.-Punk im Stile Fugazis und britischer Noise von Throbbing Gristle. Dabei ging es James Fisher, Ryan Mahan, Lee Tesche und neuerdings Matt Tong nie allein um die Musik, sondern immer auch um den politischen Kampf, den sie spiegelt und befeuert.

Mit ihrem Debüt rissen Algiers der Rockmusik die narzisstischen Scheuklappen runter. Sie verschwendeten keinen Gedanken an den Erhalt des politischen Status quo, stattdessen ging es ihnen um echte Emanzipation. Dabei blickten sie oftmals tief in die Geschichte und erforschten verschiedene Ausformungen des Aufstands: Civil Rights Movement, Black Panthers, die Französische und die Russische Revolution oder die postkolonialen Befreiungskämpfe. Dieser Fokus wurde nicht zuletzt auch in ihrem Bandnamen deutlich: Der Algerienkrieg zwischen 1954 und 1962 war der erste moderne, antikoloniale Befreiungskampf. Er hat Widerstandskämpfer in Kuba, in Mozambique, in Palästina und in den USA inspiriert. Gillo Pontecorvos Film Battle Of Algier war dabei ebenso wichtig wie die Debatte zwischen Jean-Paul Sartre und Albert Camus zur revolutionären Gewalt. Algier stand darin für einen umkämpften Raum, in dem Gewalt, Rassismus, Widerstand und Religion zusammenkommen und eine Doppelbewegung aus Hoffnung und Melancholie provozieren, die aus dem Bruch mit den bestehenden Verhältnissen resultiert.

Nina Simone, MC5, Suicide, Public Enemy: Mit ihren zahllosen Vorbildern klangen Algiers manchmal wie ausgedacht, ihr selbstbetiteltes Debüt von 2015 wie ein proof of concept. Das ist womöglich das Ergebnis der besonderen Situation in ihrer Heimatstadt Atlanta. In der Südstaatenmetropole hatten die drei Musiker kaum Rückhalt. Als multiethnische Band mit radikalem politischen und avantgardistischen Anspruch hatten sie ebenso wenig mit den Rockern der Stadt zu tun wie mit der ungleich bekannteren Trap-Szene.

Unterwerfung und Emanzipation im selben Atemzug.

Aus dieser Isolation flohen Fisher und Mahan nach Newcastle, um britische Geschichte und Identitätspolitik zu studieren, Tesche ging nach New York. Dies führte zu einer besonderen Gemengelage: Während sie systematisch die Geschichte des Kampfes der Schwachen gegen die Mächtigen erforschten, fanden die Drei in der Musik das Vehikel, um ihrer persönlichen Wut über die Verhältnisse Luft zu machen – eine Dialektik, die der Band bis heute ihre Brisanz gibt.

Über den Atlantik hinweg zu arbeiten war dabei nie Missstand, sondern Methode. Indem sie sich Soundschnipsel zumailten, verlöre die Musik ihre Verbindung zum Ego, erklärte die Band einmal. So lösten Algiers die toxische Maskulinität auf, die viele Rockbands dominiert. Im selben Atemzug problematisierten sie die Gitarre als Instrument an sich. Das alte Phallussymbol dominierte bei ihnen weder Bühne noch Sound.

Mit ihrem zweiten Album unternehmen Algiers nun einen großen Schritt: Sie eignen sich die Sounds an, deren Fans sie bisher waren. The Underside Of Power klingt endlich ausformuliert – und nicht mehr wie der Album gewordene Beweis für ein größeres Konzept. Schmerz und Wut stehen sich in einem komplexen klanglichen Resonanzraum direkt gegenüber. Algiers verarbeiten das Erbe des Punk so, dass es um mehr geht als um Außenseitertum und Verweigerung des Status quo.

Das klingt, als wollte die Band Punks Zukunftsproblem lösen. Wichtiger ist ihnen jedoch die Gegenwart: Das Hier und Jetzt ist für Algiers vor allem ein Ort der Ausgeschlossenen. Auf The Underside Of Power wird dieses Außen in einem vielschichtigen Grundrauschen erlebbar. Doch es gibt Hoffnung: Ein unverschämt euphorischer, rotziger Sechziger-Jahre-R’n’B impft dem Krach Empathie und Solidarität ein.

Algiers Kraft liegt darin, dass sie keinen Masterplan entwickeln, um die politischen Monster der Gegenwart zu besiegen. Ihre Musik ist dennoch im besten Wortsinn befreiend: Algiers retten die politische Debatte aus dem Tauziehen um den Status quo. So umgehen sie die ideologischen Sackgassen insbesondere des US-amerikanischen Humanismus, der sich jenseits des Kapitalismus keine Emanzipation vorstellen kann. Bei der Band handele es sich um ein archäologisches Projekt, erklärte Tesche in SPEX. Das erlaubt der Band, im selben Atemzug von beiden Seiten zu berichten: von Unterwerfung und Emanzipation, von Verzweiflung und Hoffnung.

Diese Review ist wie viele andere Plattenbesprechungen in der Printausgabe SPEX No. 375 zu lesen. Das Heft ist versandkostenfrei hier bestellbar.

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