Air Talkie Walkie

Im Gegensatz zu den Soundtracks, Gedichtvertonungen und Raritätensammlungen wurde dem Zuhörer bei den beiden regulären Studioveröffentlichungen von Air neben der Musik immer auch ein Ort in der Zukunft angeboten. Artwork und Texte taten ihr Übriges dazu. Die Mondrundfahrt zum Beispiel, verträumtes Dahintuckern in einer bunten haptischen Landschaft. Die Straßen befestigt, Raumanzüge aus Kinderbüchern. Zukunft wie in den 50er-Jahren, als der Mensch sich von ihr nur die neue Verpackung des Menschlichen vorstellen konnte. Es war zu schön. Eine nüchternere Utopie des Fortschritts sorgte für ein wenig Unzufriedenheit. Statt naiv-romantische Universalien auf eine pastellfarbene Zukunft abzubilden, wurde mal schnell eine dunkle, anonyme Maschinenstadt gebaut, unter der, gequält und verseucht, auf der Zehntausenderfrequenz der letzte alte Mensch wimmert. Die Musik der Stadt war nicht weniger zugänglich, schmeckte aber nicht mehr so schaumstoffsüß wie einst.
    Die Songs auf »Talkie Walkie« sind stärker als auf allen vorherigen Platten. Abseits der Schüchternheit von »Moon Safari« und der Resignation von »10.000 Hz Legend« wird jetzt in irgendeiner Form Ernst gemacht. Etwas hat sich gelöst, das erdende Moment ist unwiderruflich weggedriftet und der Hörer gleich mit. Vielleicht ist Produzent Nigel Godrich des fehlende Bauteil am Raumschiff gewesen, das mal ein Spielzeug war, bevor es zur hypermodernen Tram umfunktioniert wurde. Denn jetzt hebt es ab: Die Perkussion nur noch der reine Effekt, Sirenen vom Mars, Bässe, die auf der Welle des Lichts segeln, die Chöre, Streicher und Flächen gehören nicht mehr zum Stück, sondern sind ein riesiger leerer Raum. Es erklingt im unendlichen (H)all. Auch wenn die Melodien mal sanft, die Klänge zart sind, kommen sie doch von ganz weit weg. »Talkie Walkie« ist das ungebrochenste, schamloseste Album, das es von den Franzosen je gab. Nicht weil es irgendeine Form von Intimität oder Persönlichkeit beinhaltet, sondern weil es sich nicht mehr die Mühe macht, einen Unterschied zwischen Inhalt und Form zu machen, selbsterklärend ist, keinen Ort abbildet. Alles bewegt sich auf einer Ebene und gibt Schub in dieselbe Richtung. Remember? No. Die uncharmanten Industriezwänge des Vorgängers sind besiegt, die Technik zur unsichtbaren Natur geworden, aber der Weg mit dem Moonbuggy zum gemütlichen Tanzkränzchen ist verbaut. Sozusagen restlos überholt. Von der entfesselten Physik auf »Surfing On A Rocket« zum Beispiel, dem mächtigsten Song auf der Platte, der uns zeigt, wohin die Reise geht. Nämlich: Völlig egal, wenn es nur schnell geht. Jetzt. Gleichzeitig. Nirgendwo hin. Der Weg ist das Ziel und space the place, die Air-Formel damit isoliert.

LABEL: Labels

VERTRIEB: Virgin

VÖ: 19.01.2004

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