Agnes Obel: »Alles ist ein Fehlschluss, eine Konstruktion«

Foto: Frank Eibel

Am Freitag veröffentlicht Agnes Obel eine Deluxe Version von Aventine. Ab nächster Woche präsentiert SPEX sie auf Tour. Ein Gespräch über die direkte Übertragung von Gefühlen.

»The words are dead / lower them down«, beschwört uns eine seidene Frauenstimme über trippelnden Klavierakkorden. Als das Stück geschrieben wurde, hieß es ein paar Zeilen später noch: »Don’t cry for them«. Jetzt hört man stattdessen: »Don’t cry for me«. Agnes Obel steht nicht enigmatisch hinter ihren Worten, sie verschmilzt mit ihnen. Und wer sie dahinter sucht, läuft Gefahr sie zu verfehlen.

Das Auftreten der dänischen Musikerin – mit leichter Verspätung und Hund Woody im Schlepptau im Neuköllner Café erschienen – ist sowohl herzlich, als auch professionell distanziert. Sie stürzt sich nicht gerade in die Arme von Journalisten, die sie zwingen wollen, möglichst präzise Worte für ihr Werk zu finden, um Schlüsse zu erlauben – zwischen Musik und Musikerin. »Mir ist aufgefallen, dass ich über meine Musik meistens nur von der technischen Seite her spreche, wie sie gespielt wurde oder wie die Töne zueinander finden, weil ich mich da sicher fühle. Doch wenn ich auf Journalisten treffe, sind die immer gleich so wild auf die Bedeutung der Worte.« Worte, die sie dennoch stets mit Bedacht wählt, nicht nur in ihren minimalistisch arrangierten Liedern.

Den Interviews kann Agnes Obel sich allerdings nicht ganz entziehen, zu erfolgreich ist sie geworden. 2009 war es ein Werbespot, der den Myspace-Geheimtipp Agnes Obel in ungeahnte Sphären katapultierte. Die Verantwortlichen einer bekannten deutschen Telekommunikationsgesellschaft befanden die sanftmütige Kinderlied-Ästhetik von »Just So« als perfekte Klangtapete zu ihrem sentimentalen 43-Sekunden-Spot. Der Clip wurde zum Dauerbrenner, Obel über Nacht one to watch. Ihr Debüt Philharmonics, gespickt mit Liedern, die sie zum Teil schon seit ihrer Teenagerzeit mit sich herum schleppt, erreicht gleich in mehreren Ländern Platin-Auszeichnungen. Erfolgsdruck? »Nein, dafür bin ich glücklicherweise zu geistesabwesend.«

Auch wenn sie sich bestimmt Größeres leisten könnte, arbeitet sie weiterhin fast auf bedroom producer-Level. Sowohl Philharmonics als auch der 2013er-Nachfolger Aventine entstanden zu großen Teilen in ihrer Berliner Wohnung, der sie irgendwann den Namen White Chalk Studios verpasste – als Reminiszenz an den kalkreichen Boden in Dänemark. Aber auch nur, weil ihre Freunde drängten, sie könne auf die Platten doch nicht schreiben: »recorded in my flat«.

Das Aufnahmehandwerk lernte Obel als Jugendliche. Musikerin war schon immer die einzig denkbare Option auf der Karrierewunschliste. Verschiedene Bands wurden über Jahre hinweg ausprobiert, doch ihren Ansprüchen entsprachen diese nie: »Wir standen häufig kurz vor einer Veröffentlichung, doch ich war immer diejenige, die dagegen gehalten hat und meinte: ›Wir sind noch nicht gut genug!‹« Dann also lieber solo.

Ihre kreativen Begleiter sind meist auch ihre privaten. Allen voran ihr Freund Alex, mit dem sie seit zehn Jahren zusammen in Berlin wohnt. Als Fotograf und Grafiker von Haus aus übernimmt er Obels Covergestaltung, ist verantwortlich für viele ihrer Videos. Ob das nicht die Beziehung belaste? »Ganz und gar nicht. Er versteht mich ganz intuitiv.« Kürzlich schoss er die Fotos zum neuen Booklet der am Freitag erscheinenden Deluxe-Version von Aventine. Benannt wurde das Album nach dem siebten Hügel Roms, auf dem der Legende nach Unglück und Leid hausen. Zu viel sollte man in die Titelwahl allerdings nicht hinein lesen, mahnt sie. Ob man ihr glauben kann? Ihre Lieder sind denn ein wenig wie wandernde Schatten, voller Substanz die man nie ganz greifen kann.

Agnes Obel gibt kaum Interpretationen vor, redet wenig über ihr Privatleben. Auffällig häufig wird sie nach den Büchern gefragt, die sie während der Aufnahmen zu Aventine gelesen hat. Vielleicht liegt das an suggestiven Titeln wie »Dorian« oder den verhüllenden Texten, die mythisch anmutende Geschichten erzählen, so persönlich wirken und doch so wenig über die Künstlerin preisgeben. Eine Erklärung für diese Faszination kommt aus einer unerwarteten Ecke: Thinking, fast and slow, so der Titel eines 2011 erschienen Buches des Psychologen Daniel Kahneman. »Dort gibt es ein Kapitel namens ›Narrativer Fehlschluss‹. Es geht darum, wie wir lauter Geschichten konstruieren, die unser Leben betreffen. Wir sagen, das und das sei deswegen passiert, doch im Grunde ist dies nichts weiter als ein Fehlschluss, eine Konstruktion. In Wirklichkeit geschehen nur lauter zufällige Dinge, denen wir Bedeutung verleihen und daraus dann ein Selbst schöpfen. Ich habe mich danach gefragt, ob diese menschliche Gabe eher Fluch oder Segen sei.« Zu hören ist dies auf dem Stück »The Curse«. In Bezug auf Aventine bedeutet das: »Ich wollte wirklich sehen, ob ich über etwas schreiben konnte, das jetzt gerade in meinem Leben passiert, ohne es gleich zu analysieren. Nur musikalisch beschreiben.« So erreicht sie diese wohlig-abstrakte Nähe.

Auch live weiß sie die Nähe zu übersetzen, egal ob nun im klassischen Konzerthaus, vor einer johlenden SXSW-Menge, oder in winzigen Clubs. Jedes Mal magnetisiert diese Frau, die ihre Unsicherheiten wie einen Schleier trägt. Wenig verwunderlich, dass die Ausdauertourende Obel neben drei neuen Stücken auf Wunsch vieler Fans gleich sechs Live-Versionen auf die Deluxe-Fassung von Aventine gepackt hat. Und ein ganz besonderer, düsterer Bonus versteckt sich zum Schluss der CD: »Und dann hatte ich da plötzlich ungefragt diesen Remix von David Lynch in meinem E-Mail-Fach«, erzählt sie mit geweiteten Augen. »Ich war völlig platt. Ich meine, jeder der irgendwas von David Lynch erhält, würde doch sagen: ›Are you fucking kidding me?‹ Es war einfach total surreal.« Aber auch die musikalische Umformung des Stücks hat es ihr angetan: »Es ist ein wunderbar unheimlicher Track geworden. Und dieser Beat – ich hätte im Traum nicht daran gedacht diesen Beat so zu verstärken. Das hat dem Song einen eigenartigen, dubhaften Vibe verliehen.«

Und dann entschwindet sie wieder auf ihrem Fahrrad, und bleibt selbst nach einer Stunde Gespräch so ungreifbar wie ihre Lieder.

Die Tourdaten für Agnes Obel finden sich hier.

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