Ada Blondie

So süß, wie es geht, wenn du weißt, wie dein Rhythmus um drei Uhr die Leute bewegen muss, so dreist, wie es geht, wenn du ahnst, dass ein Schritt zu weit deinen Charme zertrümmert, so viel Popsong wie möglich, wenn du das Rad nicht anhalten magst, so viel ruppiger Glam, wie sie ein Housekontext tragen kann, ohne dich auf den Instantschutthaufen des auslaufenden 80er-Gedöns zu pfeffern. Ist Adas Debütalbum das Nonplus des Sound of todays compromises? Entscheidungen über Sound und Form sind heute um einiges vertrackter als Ende der 90er, könnte man denken – oder das Pony einfach andersrum aufzäumen: mit roten Schuhen die Tanzflächen der Wahl aufsuchen, die Freiheit genießen am Ende der Mission, keinem ein Jawort zuhauchen zu müssen. Eine Pop wie Experiment zugewandte Leichtigkeit, die neu für Köln ist. Wäre da nicht immer wieder das stringente Pochen viergeviertelter Minimalismen als Basis diverser Stücke auszumachen, müsste diese Platte von Berlin aus die Welt erobern. Wobei diese alten Trennlinien auch eher nerven. Es geht um Freiheit. Da ein zerbritzelnder Rhythmusparcours, hier ein (leider von der Vinylversion verbannter) R&B-Song, dort die große Schule des delay of gratification, hier ein Yeah Yeah Yeahs-Cover.

    Freiheit in Verschiebungen, Sachen reinnehmen, Vocals in sacht-sanften Tönen einsingen und daran Exkurse über dissonant pulsierende Texturen zu knüpfen und das Kunststück schaffen, nicht als Fusionskrampe zu enden. Die roten Schuhe aus Stück Nr. 3 tanzen souverän über solche Klippen hinweg. Die Freude am Song tut ihr Bestes dazu, »Blondie« kann vieles, da Ada so extrem vorsichtig mit jedem Element umgeht und Stimmungen so enorm respektvoll untersucht. Eine Version von »Each And Everyone«, dem schönsten Everything But The Girl-Stück aller Zeiten, entdeckt als Kern des ganzen wohlarrangierten Latin-Jazz-Pops die Gesangsmelodie und die Notwendigkeit ihrer richtigen Akzentuierung. Dabei ändert sie kleine Phrasierungen, versteht, was in ihre Version den alten Effekt wieder leben lässt. Ein Trennungsdrama auf der Tanzfläche vom Bassdrum-Hihat-Gerüst in Fassung gehalten, wilde Ausbrüche, aber keine Tränen verhindernd. »The same thing with different eyes«. Darin brechen die Ebenen wie Wellen am Ufer, erzeugen eine komische Ruhe in eigentlich alternierenden Strukturen. Das zu können und immer das Gegenteil von langweilig zu sein, beeindruckt schwer.

    Areal verstehen sich auf das Ankündigen ihrer Platten, doch was ihnen bei Ada einfiel, macht mich neidisch: »Zehn Tracks, so kurzweilig, dass sie einem wie neun vorkommen.« Ich weiß am Ende nicht mehr, was noch Track oder Song ist – und die Kurzweil lässt einen vielleicht auch mal hübsch melancholisch am Rheinufer auf vorbeifahrende Schiffe starren, während ein Beat im Kopfe kreist, aber das macht eben »Blondie« so gut.

LABEL: Areal

VERTRIEB: Kompakt

VÖ: 18.10.2004

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