AC/DC & W.A.R. live – Das schlechte Gewissen blinkt

Letzte Woche gaben AC/Dingsi und der Irre von Guns N‘ Roses noch ein deutsches Gastspiel. Der letzte Termin ihrer Rock-Or-Bust-Europatour fand in der Esprit Arena in Düsseldorf statt. Tobias Levin und Kristof Schreuf hatten die roten Teufelshörner schon in Hamburg auf. Jetzt erzählen sie, was ihnen dabei durch den Kopf ging.

Für viele Leser und Leserinnen sind AC/DC nicht Teil unserer Kultur. Und W. Axl Rose, der Sänger der Band Guns N‘ Roses, ist es noch viel weniger. Aber seht her: Solche wie die haben sich für einen wie den geöffnet! Um nur eine Sache zu nennen, wofür sie dabei über ihre Schatten sprangen: die Kleidung. Die Rich-trash-Aufmachung von Axl Rose akzeptierte Angus Young – oder besser er ignorierte sie – weil sie neben dem übergroßen Namen von AC/DC ein nichtiges Zeichen ohne Macht ist. Und das, obwohl sie die Sprache der Axl-Rose-Welt spricht.

Stellen wir uns einen Country-Musiker in Latzhose vor. Dessen Hose zeigt an, dass zugepackt wird: auf dem Feld, im Haushalt. AC/DC tragen dagegen, abgesehen von Angus Youngs Schuluniform, Boots, Jeans und T-Shirts. Die signalisieren, dass wenig mehr als Männerfreundschaft und gemeinsame Interessen wichtig sind. Axl Rose aber sieht nicht nur nicht danach aus, als würde er sich für den gemeinsamen Haushalt interessieren. Er sieht auch noch wie jemand aus, der im Zweifel seinen besten Freunden nicht helfen würde. Was macht so einer bei AC/DC?

Er macht etwas ganz und gar Schönes: Er flirtet um die Gunst derer, die ihn verachten. Freundlich, zurückhaltend und deutlich aufmerksam. Auf den Bühnen von AC/DC erschien er wie ein Motiv aus einem Bild von Antoine Watteau, wie ein schöner Herr, wie ein Honoré de Balzac mit gelben Wildlederhandschuhen, der Bürgermeister in einem fremden Dorf werden möchte. In verzierter Lederjacke, mit Design-verschnörkeltem T-Shirt flanierte er über die Bühne wie durch einen Park und ging dort sinnbildlich auf die Knie: vor den Fans von AC/DC, von denen viele sich seinetwegen von Angus trennen wollten. Und er sang für sie, als wäre er zugleich die Nachtigall, die sich den Stachel der Nächstenliebe ins Herz bohrt, und die Rose, die dadurch erblüht. Schrill und schön.

Der Pragmatismus von AC/DC möchte mit weniger Zierde auskommen. Angus Young spielt mit Spaß, Stolz, Ehrgeiz und spielerischer Anstrengung. Nach Luft schnappend, mit offenem Mund. Seit sein Bruder Malcolm, der Schöpfer AC/DCs, die Band demenzkrank verlassen musste, ist Angus der neue Anführer, der den wichtigsten Betrieb des Young-Music-Clans weiterführt. Allein, mit 62 Jahren. Die Gitarre, die ihn einst wie eine Irre über die Bühne riss, muss Angus Young seit längerem selbst spielen. Und in Andeutung alter Geschwindigkeiten und Gefahren dreht er live die immer noch großartigen Runden eines Chuck-Berry-Goldfisches in Schuluniform.

Der Meteorit jagt in die entgegengesetzte Richtung von der, die Sun Ra vorschlug: zur Erde.

Angus Young verlässt sich dabei auf die ikonschen Symbole der Band. Die Schuluniform und der Bandnamen samt Blitz, beide erdacht von Schwester Margaret Young, sind mächtig. Mächtiger noch als die Zunge der Stones. Ihren Brüdern erklärte Margaret: »Auf meiner Nähmaschine stehen die Buchstaben AC/DC. Das soll euer Name sein. Und Angus, wenn du die Uniform trägst, werden die Leute das nie vergessen.« Diesen Top-Pop-Job erledigte sie unerkannt, so wie alles, was an AC/DC Pop ist, im Dunkeln passiert. Im Hellen steht der sture Felsen. Im Hellen und in grellen Farben wurden Naturgewalten – Donner, Blitzeinschläge, Hurrikane – von AC/DC im Laufe der Jahre als Ersatz-Störenfriede etabliert. Passend dazu begannen ihre aktuellen Deutschlandkonzerte mit einem Film, in dem sich ihr glühender Band-Schriftzug in einen brennenden Feuerball verwandelte, der vom Mond ins All rast. Der Meteorit jagt allerdings in die entgegengesetzte Richtung von der, die Sun Ra vorschlug: zur Erde, dem Gegenteil vom space. Was wohl bedeuten kann, dass die weißen, reichen Männer von AC/DC auf diesem Planeten vor nichts Angst haben und selbst seine Naturkatastrophen genießen können, während ihnen menschliche Grausamkeiten nicht bange machen.

Das sah vor ihrem Welterfolg noch anders aus: In den Siebzigern, bis zu seinem Alkoholtod im Jahr 1980, beschrieb der erste und tollste AC/DC-Sänger Bon Scott in einem Gros der Stücke mit klaren Worten sein Selbst-mit-Leiden im Kapitalismus und seine Furcht davor, keine Karriere zu machen und kein Millionär zu werden. Es gehört zum post-revolutionären Pragmatismus des Siebziger-Hard-Rock, einer prä-aufgeklärten Musik, die Gesellschaft zwar kritisch zu sehen, sie aber als nicht veränderbar wahrzunehmen. Trotz einer Unmenge an Rock’n’Roll-Energie machten die Jungs bei Fragen, die aus den Sechzigern stammten, plötzlich schlapp: Was kann ein armer Junge tun, außer in einer Rock’n’Roll Band zu spielen? Kann noch einmal jemand erklären, was John Lennon meinte, wenn er sang: »A working class hero is something to be«? Was ist ein auf der Straße kämpfender Mensch? Und was meint Yoko Ono wenn sie »Woman Is The Nigger Of The World« singt?

Mit Eros möglichst viel, mit Alltag möglichst wenig zu tun haben – das entspricht im Rock gesellschaftlichem Erfolg.

Mit ihren Auftritten in Hamburg, Leipzig und Düsseldorf zeigten AC/DC wie eine unveränderte Gesellschaft im Jahr 2016 aussieht. Bei ihrem Paradestück »Whole Lotta Rosie« lag eine riesige burlesque Frauenfigur auf der Bühne, in Unterwäsche, mit Geldscheinen unter den Strapsen. Ein zweiteiliges Kirmesmotiv, mit dem die Eroberung der Frau als erste Gesellschaftsform gepriesen wird: Dem Mann, der diese Frau gewinnt, winkt erotischer Erfolg mit der Chance darauf, später den Abwasch nicht machen zu müssen. Mit Eros möglichst viel, mit Alltag möglichst wenig zu tun haben – das entspricht im Rock gesellschaftlichem Erfolg.

Auch im Bereich erfolgloser Rockmusik lässt sich so ein erster Erfolg über die Gesellschaft simulieren. Doch machen sich Männer in dieser Welt der lautstarken sexuellen Eroberung und stillschweigenden häuslichen Ausbeutung von Frauen schuldig. Und sind im Bilde: Beim Konzert im Hamburger Volksparkstadion Ende Mai blinkten sowohl auf den Köpfen der Besucher als auch auf dem Haupt von Angus Young zwei rote Teufelshörner. Wie ein Gewissen. Ein schlechtes.

Seit Anfang der Achtzigerjahre versuchen AC/DC, diesem Thema aus dem Weg zu gehen und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass Generationen ihres Publikums die Marke AC/DC auf dem Schirm haben. Dem expliziten Realismus von Bon Scott, dessen Frauen-und-mein-Ego-Trip auch deutliche Spuren von Selbstironie, Komik, Charme und eine eigene Handschrift enthielt und der somit wenigstens selbst einen nackten Oberkörper und etwas gelebte Autorenschaft wagte, setzte sein Nachfolger Brian Johnson schon 1980 auf dem Album Back In Black ein Ende. Der haarsträubend entflirtete Industrie-Sexismus, mit dem Johnson auf dem erfolgreichsten Hard-Rock-Album ever loslegte, gehörte zu den vielen Eigenarten seines Pressgesangs, an dem vorbeizuhören man lernen musste, um weiter AC/DC hören zu können.

AC/DC bestanden vor dem inneren Ohr, dem helfenden, seit den mittleren Achtzigern nur noch aus Riff und Klang. Die Band begann zu schwimmen: Nach ihrem tatsächlichen und nicht nur simulierten Erfolg gab es keine dringende Notwendigkeit mehr für die Eroberung von Frauen in Texten, entsprechend lustlos agierte Johnson. Sein Blick fiel auf Landkarten: Die Vermischung von Kriegs- und Waffenbildern mit Sexualität in den Neunziger- und Nullerjahren ging einher mit den Kriegen der Welt, von denen ebenfalls viele auf die Vorherrschaft des westlichen Mannes zielten. Die Golfkriege bestimmten jahrzehntelang die Texte der Band, immer schön taktisch und schwammig zwischen Militär und Sex changierend. Keines dieser Stücke mit Namen wie »War Machine« oder »Meltdown« spielten AC/DC bei ihren jüngsten Konzerten.

Irritiert davon, dass in Folge auch die Riffs kaum noch gelangen, dass sie nur noch AC/DC waren, konzentrierten sich die Young-Brüder ganz auf die Erfindungen ihrer Schwester Margaret. Sie schlossen Verträge mit Getränkeherstellern und Stromanbietern, die heute ihren Namen verwerten. Und in den Texten der Band tauchte zunehmend das eine Wort auf, mit dem sie vortan alles sagen sollten. Frei nach Peg Bundy: Sag es mit »Rock«! Als würden AC/DC sich nur dann für glaubwürdig halten, wenn sie ihre Rosenkränze wie Katholiken ohne Unterlass und öffentlich beten.

Dass der Großkotz W. Axl Rose für die Band eine Chance zur Rückkehr in den Wahnsinn und zur Aufregung sein könnte, sollte auch Angus Young durch den Kopf gegangen sein, als ihn das Angebot des Guns-N‘-Roses Sängers erreichte, den ohrenkranken Brian Johnson zu vertreten. Eine Diva, die die irdische Wahrheit mit Füßen tritt, trifft auf eine Band, die die irdische Wahrheit mit Musik tritt. Und Axl sagt zu Angus: »Ich möchte ein Album von dir.« Es wär so schrill und schön.

2 KOMMENTARE

  1. Ich habe selten so eine gequirlte Sch…. über AC/DC gelesen! Das einzigste was hier stimmt ist die Einschätzung über W. Axl Rose.

  2. Anstatt einen Text zu schreiben der ganz besonders Spitzfindig und treffend sein möchte hätte der Autor dieses Blödsinns besser mehr Recherche walten lassen sollen….. Selten so einen Mist gelesen.

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