A Camp / The Dø

Nina Persson, die Stimme der Cardigans, von Gunnar Klack in der aktuellen Spex als die »amerikanischste Schwedin seit Greta Garbo«, geadelt, legt mit dem zweiten Album ihres Projektes A Camp in der Tat das Zeugnis einer vollzogenen Assimilierung vor. So gut, wie jeder der Songs von »Colonia« knüpft an Muster hundertmal gehörter Songs an. Alles hier ist neu, soll aber zeitlos wirken. Im Ganzen beschleicht einen der Eindruck, eine weitere Auflage des »Great American Songbook« vor sich zu haben, oder ein aufgemöbeltes Musical der sechziger Jahre, das sich damals zwischen Off- und Broadway nicht durchsetzen konnte. Es würde von einer Prinzessin handeln, die gleich zu Beginn von »The Crowning« träumt, im Sechsteltakt schwelgend, mit leicht dissonantem Barpianogeklimper – hätte sich auch prima auf dem Soundtrack von Sofia Coppolas »Marie Antoinette« gemacht. Weiter geht’s mit schön doppelbödigen Liebesversprechungen (»Don’t you know love is stronger than Jesus? / Don’t you know love can kill anyone?«), die genauso mehrdeutig nicht eingelöst werden (»I will forget you / if you will forget me«  heißt es in »Love Has Left the Room«).

    Es bleiben die Selbsterfahrung, der Ausbruch in projektionsüberladene Orte  (»Chinatown«, »My America«, »Here Are Many Wild Animals«) und die Rückkehr, das sehr erwachsene Anlegen im, tja, Hafen der Ehe (»I Signed the Line«). Das ist alles sehr hübsch, manchmal arg glatter, bisweilen grandios perfektionierter Akustik-Pop, er blubbert nicht so wie bei den Cardigans, lebt von großen Gesten, leidet an banalen Einsichten (»It’s Not Easy to be Human«). Sagen wir mal so: hier werden Mädchenschwärmereien nacherzählt, von einer mit allen Wassern gewaschenen, sentimental vergnügten Diva. Und die elektrischen Gitarren des James Iha prägen die Platte bei weitem nicht so, wie Perssons und Niclas Frisks Pianos, Nathan Larsons angejazzter Bass oder die einschmeichelnden Streicher.

The Do A Mouthful Cover    Genauso könnten in zehn Jahren auch The Dø klingen, wenn ihre Sängerin gefestigt und der wilde Enthusiasmus einer überlegten Professionalität gewichen sein sollte. Aber zunächst ist das französische Duo mit ihrem Debüt »A Mouthful« am Start. Dem Herkunftsmix von A Camp nicht unähnlich, besteht The Dø aus der finnischen Sängerin Olivia Meliahti und dem Filmmusikkomponisten Dan Levy, dessen Score zu »Das Imperium der Wölfe« allerdings kaum weiter von der bunten Spieldose Indiepop auf »A Mouthful« entfernt sein könnte. Derweil, was bei den Cardigans einst noch als Culture-Clash Konzept punktete, spielt hier keine Rolle mehr. Skandinavischer Pop in englischer Sprache aus Frankreich wird auch in Frankreich wohl nur noch von steifen Kulturjournalisten zum kontroversen Thema stilisiert. Viele Franzosen lieben The Dø einfach, 200.000 verkaufte Platten – dass es so was heute überhaupt noch gibt. Liegt wohl am charmanten Mix aus großteilig akustisch instrumentierten Uptempo-Nummern, in denen es ungehobelt rumpelt und an den richtigen Stellen elektronisch fiept. Meliathis gerne noch mädchenhaft genöltes Organ zwischen Lolita und Nachwuchs-Chanteuse trifft auf D.I.Y.-Atmosphäre, zwischen Lagerfeuer und Proberaum.

    Richtig rund wirkt ausgerechnet »Unissasi laulelet«, der einzige finnische, vielstimmige und folkloristischste der 15 Songs, deren Auswahl nicht immer nachvollziehbar ist. Im Gegensatz zu »Colonia« hat man hier nicht den Eindruck eines geschlossenen Albums, eher den, einer Platte gewordenen Sammlung von allem, was gerade mal so da und zuweilen noch nicht ganz fertig war. So steigert sich die erste Hälfte von schmissig geleierten Ohrwürmern (»On my shoulders«) über lupenreinem Gutenacht-Folk (»Song for Lovers«) hin zum freakig gerappten Ska-Spacerock-Abenteuer »Queen Dot Kong«. Dann nehmen Soundeffekte und Frickeleien zunehmend den Platz tragfähiger Songideen ein, das Ganze läuft aus, wie ein Kater nach einer durchfeierten Nacht. Man könnte auch sagen, The Dø haben die üblichen ungestümen Schwächen eines zweiten Albums gleich an die erste Hälfte ihres Debüts geklatscht, aber ganz nebenbei die Grenzen zwischen skandinavischem, französischen und weirdem US-Pop in ihrer selbstverständlichen Internationalität aufgelöst.

LABEL: Pias / Ministry of Sound

VERTRIEB: RTD / Edel

VÖ: 20.03.2009

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