Absorbiert von der Medien-Maschine

Vom 3. bis 6. Dezember findet in Hamburg das Unerhört! Musikfilmfestival statt, auf dem zahlreiche Filme und Dokumentationen zum Thema Musik gezeigt werden. Für den dritten Teil der Spex-Empfehlungen aus dem Festival-Programm sprach Martin Hossbach mit dem Regisseur, Kameramann und Künstler Oliver Schwabe, dessen filmischer Essay »Stardust – Von der Leidenschaft ein Star zu sein«, welcher am Freitag, den 4. Dezember, im 3001 Kino Hamburg gezeigt wird.

Worum geht es in »Stardust«?
    Oliver Schwabe: Seit YouTube, MySpace oder DSDS zerfällt die Welt der Stars in eine Unzahl von Sternchen – Grund genug herauszufinden, was das ›Star-Sein‹ ausmacht. »Stardust« untersucht das Selbstverständnis von ›Stars‹. Wie erleben öffentliche Personen ihre Bekanntheit, wie gehen sie damit um, und auf was lassen sie sich ein. Es kommen so unterschiedliche Protagonisten zu Wort – im Archiv entdeckt oder aktuell interviewt – wie Amanda Lear, Robert Stadlober oder Ringo Starr, die eine Starrealität erlebt haben und davon erzählen.

Was bedeutet das Wort »Stardust« in diesem Zusammenhang?
    »Sternenstaub« implementiert natürlich die Vergänglichkeit von ›Stars‹ – die gefeierte Discoqueen Amanda Lear verschwindet in den Achtzigern aus den Schlagzeilen. Umgekehrt erlebte die junge Kölner Band MIT in England im Vorprogramm der britischen Band Hadouken! plötzlich, wie sie selbst als Stars gefeiert wird. Es geht um das Erstrahlen, aber auch um das Verglühen.

Du arbeitest mit TV-Archivmaterial: Wie leicht oder schwer bekommt man Zugang zu diesen Archiven? Welche Archive besuchst Du? In welcher Form liegen diese Archive vor?
    Ich habe da für mich eine Nische gefunden und darf einen Sendeplatz beim NDR in der Redaktion von Horst Königstein bespielen. Horst Königstein, der selbst in den Siebzigern mit der Sendereihe »Sympathy for the Devil« oder in Filmen mit Peter Hein, Die Tödliche Doris oder auch Rod Stewart und Udo Lindenberg, Popkultur und Interessen von jungen Menschen als einer der Ersten Fernsehmacher ernst genommen hat, lässt mich frei Themen finden, die ich dann mit kleinem Budget und mit Hilfe des Archivs der ARD realisieren kann. Ich durchforste die Datenbanken der Sender und sichte Unmengen von Material, das teilweise nur auf 16mm-Film vorliegt, da es nach der Erstsendung nicht mehr verwendet wurde. Nach mittlerweile vier Filmen in der Art von »Stardust«, weiß ich sehr genau, was es zu finden gibt und wo ich suchen muss. Im Rahmen der Recherche stoße ich dabei auf Filme und Formate, die in ihrer Form und Aktualität heute ihresgleichen suchen. Fernsehen gab Autoren und Filmemachern damals die Möglichkeit am Puls der Zeit zu arbeiten, Phänomene aufzuspüren und darüber in fiktiver oder dokumentarischer Form zu berichten, bevor sie – wie heute – erst konfektioniert, vermarktet und massenkompatibel zurechtgestutzt im Fernsehen einen Platz finden. »Stardust« erzählt somit auch von deutscher Fernsehkultur und Fernsehgeschichte.

Du verschneidest dieses Archivmaterial mit Interviews. Was gefällt Dir an der Form des Interviews? Hört der Zuschauer Deine Stimme? Bringst Du Dich ein oder nimmst Du Dich zurück?
    Ich suche nach Archivmaterial, das mir wichtig und besonders erscheint, setze es teilweise in neue Kontexte oder lasse es für sich stehen, damit es sich entfalten kann. Meine Filme funktionieren ohne Off-Kommentar – Zusammenhänge bauen ich aus dem Material heraus auf. Die Interviews, die ich dann führe, kommentieren das Gesehene oder beziehen sich darauf – ersetzen sozusagen den Off-Kommentar. Im Rahmen meiner Kompilationsfilme spreche ich nur mit Protagonisten, welche ich selbst spannend finde; ich stelle Fragen, die mich wirklich interessieren und versuche so eine ›ehrliche‹ Atmosphäre zu schaffen.

Du interviewst in »Stardust« auch Robert Stadlober. Ist er für Dich also ein Star? Sieht Stadlober sich als Star? Wie definieren Du und Robert ›Star‹? Ähneln sich Eure Definitionen von ›Star‹?
    Robert hält sich sicher nicht für einen Star, er wurde eine zeitlang wie ein Star behandelt und es gab sicher auch Momente in seiner Vergangenheit, in denen er selbst geglaubt hat, sich wie ein Star verhalten zu müssen. Interessant ist doch, dass er mit 15 Jahren von einer Medienmaschinerie absorbiert wurde, die ihn irgendwann wieder ausgespuckt hat. Er ist da ›reingerutscht‹, nach zwei Filmen schlug ihm ein sehr großes öffentliches Interesse entgegen, und damit musste er lernen umzugehen. Davon erzählt Robert in »Stardust« eindrucksvoll. Stars haben sicher etwas unnahbares und leben stellvertretend für ihre Fans ein Leben, das den Fans selbst nie möglich sein wird – als bekennende Fans jedoch haben sie die Möglichkeit, Teil des Lebens ihrer Stars zu sein.

Kann man mit einem Film wie »Stardust« Geld verdienen? Wenn nein, warum? Welche Foren bieten sich Dir generell, solch einen Film zu zeigen?
    Ich realisiere Filme wie »Stardust« im Auftrag des NDR, erhalte also für die Realisierung ein Honorar. Die Filme werden dann im NDR ausgestrahlt, leider oft zu sehr später Stunde – letztendlich ist das ärgerlich, aber das Wichtige ist, dass Filme dieser Art im Fernsehen überhaupt stattfinden.

 

»Stardust – Von der Leidenschaft ein Star zu sein«, Regie: Oliver Schwabe, mit Amanda Lear, MIT, Robert Stadlober, Udo Lindenberg, David Bowie, Johnny Rotten, Rod Stewart, Ringo Starr, Mick Jagger, Heintje, Simple Minds, u.a., D 2009, 90 Minuten

Im Anschluss folgt der Film »On/off: Mark Stewart – Pop Group to Maffia«, außerdem findet im 3001 Kino ab ca. 22 Uhr mit »Spex – Best of 2009« das Screening der wichtigsten Musikvideos des Jahrs 2009 statt – programmiert von Martin Hossbach und dem Spex-Musikvideo-Blogger Moritz Schmall.

Unerhört! präsentiert Oliver Schwabes »Stardust – Von der Leidenschaft ein Star zu sein«:

04.12. Hamburg – 3001 (ab 19 Uhr)

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