»Abonnent der Ausgabe«: Paul Pötsch (Trümmer)

Als wir Trümmer-Sänger Paul Pötsch fragten, ob er einen Text für unsere Rubrik »Abonnent der Ausgabe« in SPEX N° 365 schreiben wolle, antwortete er mit einem veritablen Romananfang. Hier die ungekürzte Version.

»Man liebt oder hasst sie, und nicht egal zu sein, ist seit jeher ihr bestechendstes Qualitätsmerkmal. Ich selbst habe mich davon erstmals im November 2005 überzeugt, hatte eine lange Reise vor mir – 13 Stunden aus dem Schwarzwald nach Berlin – und brauchte was zu Lesen. Etwas am Layout der SPEX suggerierte mir, dass ich zur potenziellen Zielgruppe gehören könnte, also kaufte ich N° 293 in Villingen-Schwenningen. Die beiliegende CD N° 57 begleitete mich bei meiner Flucht aus dem Kaff in die große Stadt und ist immer noch meine liebste SPEX-CD.

Während ich also die Songs von Animal Collective, Angie Reed und Gravenhurst hörte, zog an der Fensterscheibe des Zuges ein Land vorbei, mit dem ich nichts zu tun haben wollte. Dafür aber tauchte ich beim Lesen in eine Welt ein, die meiner Innenwelt so ähnlich war, dass ich dachte: »Wow, ich bin nicht der einzige vollkommen Durchgeknallte auf diesem Planeten!« (Das man der/die Einzige ist, ist ein Trugschluss, dem man als sehr, sehr junger Mensch schnell anheim fällt).

Jedenfalls war es so, als würde ich durch ein Fernrohr hin zu fremden Galaxien blicken, in die ich unbedingt eintauchen wollte. Zusammen mit der freudigen Erwartung der Stadt Berlin (sechsmal Umsteigen inklusive) heizte sich mein junges Herz zu ungeahnten Höhen auf. Ich hatte damals jene SPEX-Phase erwischt, in der man die Artikel nur mit einem beiliegenden Fremdwörterbuch richtig genießen konnte. Ich verstand ehrlich gesagt nur die Hälfte, aber dennoch genug um zu wissen: Das ist Liebe auf den ersten Blick.

Und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass ich nach dieser nicht enden wollenden Bahnfahrt weiterhin brav das Magazin kaufte und in den letzten drei vor mir liegenden Schuljahren nur mit einer Plastiktüte bewaffnet zum Unterricht erschien, in der sich neben losen Blättern und einem Kugelschreiber die aktuelle Ausgabe der SPEX befand. Das alternative Unterrichtsmaterial erfüllte den Erziehungsauftrag, den andere Institutionen längst nicht mehr leisten konnten. Ich lernte wenig über Integrale, Higgs-Teile oder Dividende, aber viel über Subversivität, Coolness, Haltung und gute Frisuren.«

Paul Pötsch ist Abonnent der SPEX-Ausgabe N° 365. Das Heft ist ab sofort im Handel  oder versandkostenfrei im SPEX-Shop erhältlich.

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