A$AP Rocky „Testing“ / Review

Foto: Mr. Iozo

A$AP Rocky möchte mit seinem dritten Album Testing endlich den Pop-Olymp einnehmen und liefert zu diesem Zweck eine Stunde höchst eklektischen Kuratoren-Raps ab – mit schwankendem Resultat.

An Selbstvertrauen mangelt es A$AP Rocky jedenfalls nicht. Seit sein erstes Mixtape Live Love A$AP vor sieben Jahren erschien, möchte er der Welt beweisen, was er selbst längst weiß: dass er der größte zeitgenössische Künstler ist. Wohlgemerkt Künstler, nicht einfach „nur“ Rapper. Vor seinem dritten Album Testing hat der 29-Jährige aus Harlem diesen Anspruch an sich selbst nicht nur in Interviews wiederholt, sondern mit einem Performance- und Installations-Werk im New Yorker Auktionshaus Sotheby’s bekräftigt. In einem Glaswürfel sitzend wurde Rocky zunächst mit Bädern in Eiswasser und anderen Unannehmlichkeiten gequält, bevor er schließlich den Nachfolger zu At Long Last A$AP aus dem Jahr 2015 präsentierte.

Rocky agiert auf „Testing“ wie ein äußerst eklektischer Kunstsammler

Ein Auktionshaus ist ein guter Ort für Testing, denn Rocky agiert auf dem fast einstündigen Album wie ein äußerst eklektischer Kunstsammler: Der Opener „Distorted Records“ dauert beispielsweise nicht einmal zweieinhalb Minuten, trotzdem durften vier Produzenten an den verzerrten Bässen und Sirenen-Synthies schrauben. Auf „Calldrops“ treffen Dirty-South-Samples von DJ Squeeky aus Memphis auf die sanfte Akustikgitarre aus Dave Bixbys Ballade „Morning Sun“, in der zweiten Hälfte des Songs steuert der in Florida inhaftierte Kodak Black per Telefon eine Strophe bei, die tatsächlich Reue erahnen lässt. Und selbst an dieser kargen Songskizze waren neben A$AP Rocky mit Boys Noize und Hector Delgado zwei weitere Produzenten beteiligt. Testing ist gut vernetzter Kurator-Rap, wie man ihn auch von Kanye West kennt.

Bei der Auswahl der Gäste und Samples beweist der Chef des A$AP-Mobs abwechselnd guten Geschmack, etwa wenn ihm FKA Twigs mit nur sechs Zeilen die Show stehlen darf. Oder eben viel Mut. Kein Song verkörpert diesen manchmal fragwürdigen Wagemut mehr als die vorab veröffentlichte Single „A$AP Forever“ (auf Testing als Remix mit T.I. und Kid Cudi enthalten), die sich nicht nur um das totgespielte Streicher-Sample aus Mobys „Porcelain“ dreht, sondern in den letzten zwei Minuten mit dem fast unbearbeiteten Original ausklingt. Dass Rocky am Ende dieser Hommage an seine Heimatstadt und seine Crew zur Seite tritt und einem 18 Jahre alten Song die Bühne überlässt, ist die erste von vielen Überraschungen auf Testing.

 

Die größte Überraschung hält jedoch die zweite Hälfte des Albums bereit: Zwar scheitert Rocky an dem Versuch, mit Testing ein großes Statement zu setzen, das Genregrenzen sprengt und Rap-Generationen eint (vom 15-jährigen Smooky MarGielaa zum 48-jährigen Puff Daddy), überzeugt aber gerade in seinen zurückhaltenden, leisen Momenten. Der Rapper, bisher hauptsächlich für Stil und Attitüde bekannt, gewährt plötzlich Einblicke in sein Innenleben und findet ausgerechnet auf einem Album voller Gäste mit Songs wie „Hun43rd“ oder „Changes“ zu sich selbst. Lediglich begleitet von Lauryn Hills Stimme und Akustikgitarre aus „I Gotta Find Peace Of Mind“ reflektiert er im letzten Song „Purity“ sein Lieblingsthema: das Dasein als Star.

Doch statt wie gewohnt vor Selbstbewusstsein zu strotzen, spricht er von Selbstzweifeln und Reue, weil er für seine Karriere die Beziehung zu seiner Schwester vernachlässigt habe, die 2016 an einer Überdosis starb. Allerdings darf nicht unerwähnt bleiben, dass auch bei diesem Song Frank Ocean mit einer mühelos gerappten ersten Strophe Rockys Selbstkasteiung ein wenig überstrahlt. Wer der größte zeitgenössische Künstler sein möchte, sollte sich auf seinem eigenen Album seltener die Show stehlen lassen.

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