A1 People The Yellow Album

Popmusik wie Elektronische Tanzmusik setzen als Maßstäbe Klarheit, Einfachheit und unmittelbare Verständlichkeit. A1 People stellen diese Normen immer wieder in Frage, und sind dennoch beidem, Elektro und gewissen synthetischen Pop-Momenten, bedingungslos verpflichtet. Der Elektro strukturierende Gegensatz von erdigen Beats und flächiger Traumhaftigkeit wird brutal in Szene gesetzt, die Grooves sind kleinteiliger, verwachsener, hermetischer, die melodiösen Flächen freistehender, abstrakter, vergeistigter. Es geht um das Gegenteil eines geschlossenen, packenden Sounds, der einen bestimmten kickenden Punkt ins Auge fasst. Das Projekt von A1 People ist so besonders und so krass, weil sie aus diesem flächenüberladenen Electro eine Pop-Musik erfinden, die sich den Sound-Hierarchien von Pop aber ebenso wenig unterwirft wie denen von Electro. Was Melodien wären, ufert komplett über den ganzen Track aus, als starre man auf eine Kinoleinwand und sei von dem Gesamteindruck zu affiziert, als dass man noch einzelne Figuren ausmachen könnte. Simon Bowring, Tom Crook und DJ D-Zine, eigentlich zuhause in einer britischen Post Electro-Funk-Miami Bass-Szene mit Leuten wie Andrew Weatherall, Keith Tenniswood, Andrea Parker, Freq Nasty und Howie B, beziehen sich immer wieder, auch explizit, auf Detroit, aber die Strangeness Detroits wird in eine eigene Strangeness umgewandelt. Was ein Pop-Song sein könnte, ist hier ein Gespenstertheater, es geht nicht darum, etwas zu sagen wie: »So bin ich drauf, ich liebe dich«, vielmehr presst eine verzerrte Stimme heraus: »Everybody`s A Freak«. Wenn es bei Detroit darum ging, die Fremdheit, die man gegenüber der städtischen Umwelt empfindet, sozial, ja kollektiv zu machen, verkörpert man bei A1 eher eine individuelle, freakhafte Persona. Gefeiert wird jene Reihe von Alter Egos, die Elektro hervorgebracht hat: Das maskuline Subjekt der großen Achtziger-Jahre-Popgruppen ist nur noch ein entfremdetes Zerrbild seiner selbst, im Begriff, sich in eine paranoische Maschine, einen Roboter zu verwandeln. Sogar das »White Album« hat seine Unschuld verloren, ist in ein chemisches Gelb gefärbt worden. Auf dem »Yellow Album« spitzt sich alles so zu, weil es nicht wie etwa die Den Haager Szene um I-F meistens primär den Dancefloor im Auge hat, nicht wie die Hell-Posse die Vergegenwärtigung einer bestimmten Popgeschichte in Form einer Hookline. Die A1 People sind aber auch nicht verbissen oder fixiert, eher der entgegengesetzte Wiedergänger eines Radios aus den Achtzigerjahren.

LABEL: Hydrogen Dukebox

VERTRIEB: Zomba

VÖ: 14.10.2002

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