A Tribe Called Quest „We Got It From Here…Thank You 4 Your Service“ / Review

Die legendären A Tribe Called Quest veröffentlichen ihr erstes Album seit 18 Jahren und gleichzeitig ihr letztes. „We Got It From Here…Thank You 4 Your Service“ ist die bestmögliche Antwort auf Donald Trump – politisch wie immer und frisch wie selten zuvor.

Manchmal ist Pop ganz schön beängstigend. Etwa die ihm eigene seismographische Genauigkeit, mit der er stets auf gesellschaftliche Umwälzungen reagiert. Zwar war We Got It from Here… Thank You 4 Your Service, das sechste und nach eigenem Bekunden letzte Album der Hip-Hop-Dinos A Tribe Called Quest selbstverständlich schon vor Monaten fertig, abgemischt, eingetütet und für den Verkauf bereit. Doch einen besseren Zeitpunkt für dessen Release als Freitag, den 11. November hätte sich kein noch so ausgefuchster Marketingmensch ausdenken können.

Denn welche bessere Antwort könnte es auf Donald Trump geben? Auf seinen unsäglich schmutzigen, rassistischen und frauenfeindlichen Wahlkampf? Auf seinen erdrutschartigen Sieg? Auf die Gewissheit, dass sich die Welt nun anders drehen wird? Und nicht zuletzt darauf, dass sich die weiße (Noch-) Mehrheit Amerikas mit Trump womöglich zum letzten Mal, dafür aber umso nachdrücklicher, durchgesetzt hat? Richtig, keine.

A Tribe Called Quest waren stets so etwas wie das gute Gewissen der amerikanischen Popkultur. Sie predigten unablässig gesellschaftliche Einigkeit und einen stellenweise etwas entrückt wirkenden Positivismus – werte also, die man in Übersee, aber auch im Rest der Welt, heute dringend gebrauchen könnte. Die Gruppe aus St. Albans, Queens ist der Anti-Trump.

Und trotzdem stellen sich mit Veröffentlichung sofort Zweifel an We Got It From Here… ein. Schließlich haben die vergangenen Jahre gezeigt, was herauskommt, wenn Rapper jenseits der 40 es nach jahrelanger Abstinenz „noch einmal wissen wollen“ – viel Routine nämlich. Dr. Dre machte 2015 mit Compton seinen Job solide, versuchte sich am Ende aber recht erfolglos an einer Frischzellenkur für seinen Sound, De La Souls And The Anonymous Nobody war ein gutes Sommeralbum, mehr aber auch nicht. Die gute Nachricht: Routine gibt es auf We Got It From Here… nicht.

Im Gegenteil: A Tribe Called Quests erstes Album seit 18 Jahren ist ihr bestes seit mindestens 23 Jahren. Die 16 Songs klingen nicht nur frisch, originell (Elton John spielt auf „Solid Wall Of Sound“ Piano, Jack White hat seine Gitarre für drei Songs verliehen) und ungezwungen, sondern sind auch textlich auf der Höhe. We Got It From Here… verschwendet keine Silbe auf Früher-war-alles-besser-Illusionen, sondern verneigt sich auf „Dis Generation“ ausgiebig vor den heutigen „gatekeepers of flow“, namentlich Joey Badass, Earl Sweatshirt, Kendrick Lamar und J. Cole.

Gleichzeitig sind A Tribe Called Quest auch 2016 so politisch wie eh und je. Im Opener „The Space Programm“ fordert das im März 2015 an den Folgen seiner Diabetes verstorbene Gründungsmitglied Malik „Phife Dawg“ Taylor: „Gotta get it together forever“. Und ja, verdammt, wir müssten es doch eigentlich längst gepeilt haben, wie wir miteinander umzugehen haben. Die Probleme folgen aber zugleich und angelehnt an Sun Ras Utopie Space Is The Place: „There ain’t a space program for niggas / Yeah, you stuck here, nigga“, heißt es im Refrain. Platz für Schwarze in Amerika? Ein schöner Traum.

Oder der fast unheimlich hellsichtige Track „We The People…“, der Trumps Wahlagenda und die first-world-problems seiner Wähler vorweg nimmt: „All you black folks / you must go / All you Mexicans / you must go (…) Muslims and gays, boy, we hate your ways“. Und nein, es handelt sich dabei nicht um Protest nach der Wahl, „We The People…“ wurde bereits im Herbst 2015 aufgenommen.

Doch was macht A Tribe Called Quest plötzlich wieder so bissig? Schließlich hatten es sich Q-Tip, Phife Dawg, Ali Shaheed Muhammad und Jarobi White im Grunde auf ihrem Image als gebildete Besser-Rapper mit guten Beats und göttlichem Flow ausgeruht. Was kam dazwischen? Traurig, aber wahr: der Tod. Schließlich stellt dieser alles in Frage. Vermeintliche Gewissheiten, längst getroffene Entscheidungen und gelebte Routinen.

Vor dem Hintergrund von Phife Dawgs nahendem Tod liest sich We Got It From Here… vor allem wie die Bemühung, die letzte Gelegenheit nicht verstreichen zu lassen. Nach ihrem ersten Fernsehauftritt seit Jahrzehnten, bei „Saturday Night Live“, hätte das Quartett die Flamme wieder gespürt, heißt es. Das dürfte nur die halbe Wahrheit sein. Man merkt We Got It From Here zumindest in den ersten zwei Dritteln mit jedem Ton an, dass es sich nicht um ein herkömmliches Comeback handelt, sondern dieselbe Dringlichkeit in sich trägt wie das Frühwerk – nur unter anderen Vorzeichen. Im Kern geht es nämlich um das Lebenswerk von vier Freunden. Und die sind auch 2016 noch beängstigend. Beängstigend gut.

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