A Tribe Called Knarf »Es ist die Wahrheit obwohl es nie passierte« / Review

Knarf Rellöm bedient sich derselben kulturindustriellen Aneignungsstrategien wie Madonna oder Peaches. Doch wo diese Kunstfiguren des kontemporären Pop die immer selben Inhalte durch wechselnde Deckmäntelchen gerade angesagter Sound-Designs kaschieren müssen, um relevant zu bleiben, macht Rellöm den Warencharakter seiner Musik selbst zum Thema.

In Zeiten der optimierten Selbstdarstellung und flüchtigen Oberflächenreize muss jemand wie Frank Möller wie ein übersehener Schandfleck wirken, wie ein ewig gestriger Quälgeist, der an vermeintlich so antiquierten Dingen wie Dada, Diskurs und Kapitalismuskritik festhält – und auch so klingt und aussieht. Als Knarf Rellöm hat es sich der 53-Jährige seit rund einem Vierteljahrhundert zur Aufgabe gemacht, dem sich beschleunigenden Musikbetrieb den Spiegel vorzuhalten, indem er dessen gängige Mechanismen und aktuelle Auswüchse bis zu einem gewissen Grad imitiert, nur um sie dann so lustvoll wie subversiv mit der eigenen, Hamburger-Schule-geprägten Anti-Attitüde kollidieren zu lassen.

Knarf Rellöm bedient sich dabei mit vollen Händen derselben kulturindustriellen Aneignungsstrategien wie etwa Madonna oder Peaches. Doch wo diese Kunstfiguren des kontemporären Pop die immer selben Inhalte durch wechselnde Deckmäntelchen gerade angesagter Sound-Designs kaschieren müssen, um relevant zu bleiben, macht Rellöm den Warencharakter seiner Musik selbst zum Thema, indem er deren ökonomische Verwertungskette durch die Nennung seiner Quellen offenlegt. So unterläuft der Ex-Blumfeld-Coverstar bereits in seiner sprunghaft wie kunstvoll ondulierten Namensgebung (bisher: Athletico Knarf Rellöm, Avanti Knarf Rellöm, Emporio Knarf Rellöm, Freewheelin’ Knarf Rellöm, Ladies Love Knarf Rellöm, Knarf Rellöm Ism, Knarf Rellöm With The Shi Sha Shellöm, Knarf Rellöm Trinity) jegliche Markenbildung und verweist auch in der Titelgebung (legendär: Bitte vor R.E.M. einordnen) bis in die visuelle Gestaltung (sehr schön das aktuelle, den formalen Minimalismus eines Jamie xx zitierende Cover) wie ein übergeschnappter Link-Generator stets auf weitere Acts, Stile, Referenzen.

Das überspitzt Doppelbödige und tendenziell Besserwisserische dieses Unterfangens kann aber im Zweifel für Konsument wie Produzent gleichermaßen anstrengend sein, weswegen es auch nicht verwundert, dass sich Rellöm mit seinen bewährten sidekicks DJ Patex und Viktor Marek ganze neun Jahre Zeit gelassen hat für Es ist die Wahrheit obwohl es nie passierte. Ob man auch hinter diesem, im Durchschleuskabinett der auf new talents fixierten Musikindustrie allein für vermeintliche Genies vorbehaltenen langen Zeitraum eine weitere programmatische Finte wittern kann oder es sich um einen bloßen Tribut an die real existierende Krise der Plattenfirmen und der damit zusammenhängenden sich verändernden Verteilungswege handelt, bleibt trotz aller Selbstreferenzialität offen.

Der gut abgehangene Mid-Tempo-Dub, über den Rellöm diesmal seine launischen Litaneien legt, nährt als schwächstes Glied im schillernden Gesamtkonzept den Verdacht, dass A Tribe Called Knarf ähnlich wie derzeit Die Goldenen Zitronen oder auch Fraktus mit seltsam zurückhaltendem Studiomaterial bewusst oder unbewusst nur die anstehenden Live-Aufführungen pushen: Der Tonträger wird zum Trailer der Tournee.

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