A Certain Ratio „acr:set“ / Review

Wenn die Setlist zur besseren Tracklist wird: A Certain Ratio machen mit acr:set, was sie können – seit Jahrzehnten. Der dramaturgische Aufbau, angelehnt an das Live-Set, gelingt und die neuen Songs auch.

Jede_r kennt es und keiner weiß so richtig ob sie/er’s mag. Mord in der Disko hat wohl fast jeden Besuch im Schullandheim begleitet. Schullandheim – was ist das eigentlich nochmal? Ein Begriff, der sich irgendwie genau nach dem anhört, was alle mit Schulausflügen verbinden, irgendwie aber auch viel zu altbacken ist, um die Realität derer zu beschreiben, die A Certain Ratios Anfangszeit nicht persönlich erlebt haben. Darum der Vergleich: Die poetisch-nihilistischen Eskapaden der britischen Post-Punk-Gruppe könnten denselben Titel tragen wie das langweilige Spiel für unausgelastete Schulkinder, bei dem sowohl „Disko“, als auch „Mord“ irgendwie Lügen sind. Wahrscheinlich besser so.

Bei der Band aus Manchester, die viele Jahre im Schatten von New Order verbrachte, klingt der Titel schon eher authentisch. Über Jahre hinweg schafften A Certain Ratio das scheinbar Unmögliche und offensichtlich Unwahrscheinliche. Tiefsinniger Text auf tanzbarem Gerüst mit musikalischem Anspruch, der nicht nur die Talking Heads und LCD Soundsystem entscheidend prägte.

Kaum jemand kennt’s, aber wer’s kennt, findet’s geil.

Eine Karriere als Konzept der eigenen Weiterentwicklung, als Schaffen einer eigenen Szene, ohne von der breiten Masse als Schöpfer dieser anerkannt zu werden. Acr:set macht daraus ein Album, ein Best-Of-Album eben. Ein Album, bei dem alle verstehen, was das Konzept ist, weil’s drauf steht. Statt simpler Aneinanderreihung der erfolgreichsten Songs gibt acr:set allerdings das Set wieder, das A Certain Ratio auf ihrer aktuellen Tour gespielt haben. Die Setlist als bessere Tracklist und Beweis dafür, dass der dramaturgische Aufbau einer Live-Show auch auf Platte funktioniert. Erst Recht, wenn die, die’s aufnehmen schon seit über 30 Jahren an ihrer Setlist schrauben. Auf altbewährtes Material treffen zwei vorher unveröffentlichte Songs, die nur weiter an das Oeuvre der Mancunians anschließen.

Probleme, die A Certain Ratio in der Vergangenheit mit dem Übergang in eine neue Ära, der Emanzipation vom eigenen und prägenden Sound hatten, spielen im Best-Of entweder keine Rolle mehr oder machen plötzlich Sinn, weil acr:set die Entwicklung der Gruppe auf Albumlänge komprimiert.

Mord in der Disko ist zu lapidar, zu eindimensional und zu monoemotional, um das Werk der Briten zu beschreiben. Aber wozu soll man acr:set auch beschreiben, wenn es selbst albumgewordene Deskription des aktuellen und historischen Sounds einer Band ist? So oder so sind A Certain Ratio eher das Gegenteil des alten Partyspiels: Kaum jemand kennt’s, aber wer’s kennt, findet’s geil.

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