2046

Eile mit Weile auf der Jagd nach dem verlorenen Gedächtnis. Kar-Wai Wong bietet in »2046« wenig Neues: Melodien in Moll, mollige Langeweile. Gelegenheit, um (an) die spannenden Momente zweier anderer Filme eines eher lahmen Kinojahres zu erinnern.

    Zwischen bunten Lichtschlieren und utopischen Räumen, zu einer Zeit, die schon war und noch nicht ist, erzählt eine Stimme aus dem Off von der emotionalen Beschaffenheit alter/neuer Lebewesen. Sie befinden sich in einer Art Zeitreise-Zug namens 2046. Eingestiegen sind sie irgendwann, um ihr verlorenes Gedächtnis wieder zu finden. Doch was an den alten / neuen Erinnerungen wahr sein könnte, werden die Androiden nie erfahren, denn niemand kehrt zurück in die alte Zeit, um sie zu überprüfen. Allein der Erzähler: »Because I need to change.« Und so findet sich Tony Leung alias Mo-Wan Chow als Journalist und Schriftsteller im Hongkong Mitte der 60er wieder, verstrickt in halbgare Liebesgeschichten. Das Problem der Androiden, so heißt es, sei die zeitliche Verzögerung, die zwischen Empfinden und dem Ausdruck jener Empfindung liegt. »2046« ist jedoch keine Science-Fiction. Die Zahl ist auch und vielmehr die Nummer eines Hotelzimmers – und die Reaktionsverzögerung der Androiden beschreibt weniger die emotionale Verkrüppelung des neuen Menschen als die Melancholie des alten.

    An dem neuen Film von Kar-Wai Wong erscheint nicht viel neu. Entweder ist das das Spannende daran oder unfreiwillige Ironie. Vier Jahre nach »In the Mood for Love« und voller Erwartung mag man im Kino sitzen und das Gefühl der Langeweile nicht loswerden. Die ärmellosen, eng anliegenden seidenen Kleider mit den wechselnd bunten Ornamenten sind so schön wie immer. Gong Li, Takuya Kimura oder Zhang Ziyi bewegen sich beinahe schwerelos durch Straßen und Hotelzimmer. Tony Leung raucht, schreibt und schmachtet. Der Einsatz von Geigen und Rumbarhythmen suggeriert emotionale Tiefe. Die selbstverliebte Oberflächenarbeit von Kameramann Christopher Doyle widerspricht der Schwere, während die Montage das Spiel der sich wiederholenden Einstellungen ausreizt.

    »The film is about a person who wants to change«, sagt Kar-Wai Wong.

    Ausgangspunkt des Films vor vier Jahren sei die spezifische Situation Hongkongs kurz vor der Übergabe und das Versprechen Chinas gewesen, dass sich in den nächsten fünfzig Jahren nichts ändern werde. Jede politische Referenz wollte Kar-Wai Wong jedoch außen vor lassen. So hat er die Idee von Veränderung aus dem Kontext gerissen und sie zum frommen Wunsch seiner Figur erklärt. Wie aber macht sich Veränderung in einem ästhetischen Universum bemerkbar, das seine eigene Zeitlosigkeit behauptet? Oder ist das Nicht-Wahrnehmen von Neuem bloß der Wahrnehmungs-Faulheit seitens der Zuschauer geschuldet? Oder Kar-Wai Wong schlicht ein begabter Scharlatan?
Ohne in die übliche Rückblicks-Logik verfallen zu wollen: Zwei der wenigen spannenden Filme in diesem Jahr haben sich exemplarisch ähnlichen Fragen gestellt. Gus Van Sant mit »Elephant« und Jacques Rivette mit »Histoire de Marie et Julien«. Beide Filme kreisen um endgültige Zeit, nämlich Tod. Von Rivette weiß man inzwischen, dass er den Faktor Zeit nicht allein behauptet, sondern als Zeit, die dauert, auch in Szene setzt.
    Er würde nie das eng kadrierte Auf- und Zumachen von Türen aneinander reihen wie Kar-Wai Wong, um zu zeigen, dass zwei Menschen, die nebeneinander liegende Hotelzimmer bewohnen, nicht in ihren eigenen Betten schlafen, um dann über eine Melodie in Moll anzukündigen, dass die Affäre bald ein Ende hat. Wenn bei Rivette jemand häufig Zug fährt, sieht man dieser Person zu, wie sie Zug fährt. Und wenn Kommunikation zwischen zwei Menschen in irgendeiner Weise stattfindet, gibt er diesem Prozess jene Zeit, um möglicherweise Worte zu sehen, die nicht gesagt werden. Man mag das nun altmodisch finden, französisch oder langweilig. Spannend ist es, weil man Menschen zusieht, die etwas tun und sich dabei stets verändern. Ohne sich dabei an sich zu verändern, in diesem grundlegenden romantischen Sinn. Wenn Schnitte weniger schnell gesetzt sind und keine Streicher aus dem Off die Gemütslage dominieren, verändert sich auch die Wahrnehmung von Melancholie. Nicht der Film mutet melancholisch an, sondern eine konkrete Person hängt aus bestimmten Gründen einer Erinnerung nach.

    Während Rivette dabei völlig unsentimental seinen eigenen Abschied zu inszenieren scheint, mag Gus Van Sant sich die Frage gestellt haben, wie man ein Ereignis, das eine Gesellschaft schwer erschüttert hat, so unspektakulär wie möglich in Szene setzt und dennoch ein Requiem komponiert. In »Elephant« verlässt er sich darauf, dass die Zuschauer noch all die Bilder des Schulmassakers von Littleton im Kopf haben, die durch Printmedien und Fernsehen vermittelt wurden. Er konzentriert sich allein darauf, zu zeigen, wie Schüler über ein Schulgelände laufen. Ein denkbar alltäglicher und ebenso langweiliger Vorgang. Wäre da nicht eine obsessive Kamera, die sich abwechselnd – und wie in Trance – den Jugendlichen an die Fersen heftet, begleitet von einer Schubert-Klaviersonate. Danach wird sich alles unbedacht Alltägliche grundlegend verändern. Van Sant zeigt diese Veränderung, indem er das Selbstverständliche mit ästhetischer Bedeutung auflädt. Er braucht dabei die Tonlagen aus dem Off genauso wie Kar-Wai Wong, setzt die Körper lange nicht so konsequent ihrer Umgebung aus wie selbst in »Gerry«, misstraut der Narration, ohne sich von der Idee des Realen und der Erklärung gänzlich zu verabschieden.

    Diesen Vorstellungen ist Kar-Wai Wong längst entrückt, und möglicherweise hinkt er den Anfängen seines avancierten Universums nun hinterher, weil er nicht viel zu erzählen hat. Doch wer weiß, die Reaktionsverzögerung zwischen Filmsehen und Darüberschreiben, dem Gefühl von Langeweile und später Erkenntnis, ist nicht immer genau zu bestimmen. Manchmal ist es auch von Vorteil, sich mit einem Kar-Wai Wong-Film im selben Raum aufzuhalten, ohne ihm volle Aufmerksamkeit zu schenken. Dann kann es einem Jahre später passieren, in »Chungking Express« in völlig beiläufigen Szenen plötzlich Bilder zu finden, die das Diffuse und Weltumspannende einer Großstadtästhetik nicht zeigen, sondern unvergleichbar und nachhaltig treffen. Und gleichzeitig erfinden. Das sind jene wenigen Momente, in denen sich die Narration blitzschnell allein aus dem Bild entwickelt, ohne die Zeit für Handlung zu haben oder zu benötigen. Zufälliges wie produktives Zusammenspiel von Kamera und Regie. Vielleicht braucht Kar-Wai Wong auch einfach noch mehr Zeit, um wieder einen tatsächlich neuen Film zu erfinden. Die Produktionsbedingungen allerdings werden davon nichts wissen wollen.

»2046«, Hongkong 2004, 127 Min., R: Kar-Wai Wong, D: Tony Leung, Gong Li, Takuya Kimura, Faye Wong, Maggie Cheung u.a.

LABEL: Paramount Pictures

VERTRIEB:

VÖ: 14.07.2005

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