Heute vor 20 Jahren erschossen zwei Teenager in der Columbine Highschool 13 Menschen und sich selbst. Es war das erste Massaker im Zeitalter des Mobiltelefons – und machte die Täter zu mythischen Pop-Stars. Mit den Folgen leben wir bis heute.

Die erste Frage ist immer dieselbe. Sie ist kurz, aber schwer zu beantworten. Nur Brenda Ann Spencer hatte eine ebenso kurze und unvergleichlich simple Erwiderung parat. „Ich mag keine Montage“, sagte sie, als sie gefragt wurde, warum sie vor einer Grundschule in San Diego zwei Menschen erschossen und acht weitere verletzt hatte. Verständlich und rätselhaft zugleich: Niemand mag Montage, die wenigsten aber nehmen diese Abneigung zum Anlass für einen Amoklauf. Bob Geldof machte mit seiner Band The Boomtown Rats einen Song aus der lapidaren Antwort. Er erschien im Juli 1979, kaum ein halbes Jahr nach Spencers Amoklauf. „Es war die perfekte sinnlose Tat mit dem perfekten sinnlosen Grund dafür. Also habe ich den vielleicht perfekten sinnlosen Song geschrieben, um das zu veranschaulichen“, erklärte Geldof in einem Interview. „I Don’t Like Mondays“ lässt sich leicht mitsummen und wurde ein Nummer-Eins-Hit. Warum das wiederum so ist – das ist die eigentlich interessante Frage.

Columbine-Elephant
Während alle Welt die Killer verstehen will, fühlen sie sich von den Killern verstanden (Still: „Elephant“ von Gus van Sant, 2003).

Fast hätten Eric Harris und Dylan Klebold 20 Jahre später die Columbine Highschool bei Littleton, Colorado mit einem Arsenal aus Schrotflinten, semi-automatischen Waffen, Rohrbomben und mehreren zur Explosion vorbereiteten Propangas-Tanks ebenfalls an einem Montag in ein Schlachtfeld verwandelt. Es wurde dann doch ein Dienstag, der 20. April 1999. Es war der Tag nach dem sechsten Jubiläum der blutigen Erstürmung der Branch-Davidians-Siedlung in der Nähe von Waco, Texas und nach dem vierten Jahrestag des Bombenanschlags auf das Alfred P. Murrah Federal Building in Oklahoma City. Der 20. April ist außerdem Adolf Hitlers Geburtstag, es ist auch der Veröffentlichungstag von KMFDMs Album Adios. Das alles aber interessierte Harris und Klebold kaum. Für sie war der 20. April 1999 der Tag des Jüngsten Gerichts, wie sie das in ihren Tagebüchern nannten, oder auch NBK – eine Abkürzung für den Titel von Oliver Stones Film Natural Born Killers, der auf einem Drehbuch von Quentin Tarantino basiert.

Der Tumblr-Stream wird nie enden

Wäre Eric Harris früher an mehr Munition gekommen, hätte das Columbine-Massaker am 19. April stattgefunden, aber er musste noch warten. Wichtiger war ohnehin die Tageszeit der Attacke: Um 11:17 Uhr herrschte in der Cafeteria der größte Andrang. 480 Schülerinnen und Schüler befanden sich darin, als die Propangas-Tanks nicht wie geplant explodierten. Harris und Klebold mussten ihre mörderische Arbeit von Hand erledigen. Sie feuerten wahllos um sich. Richtig: wahllos. Denn obwohl sie in den knapp 50 Minuten zwischen dem Beginn des Massakers und ihrem eigenen Ende durch Suizid brüllten, die jocks mit den weißen Caps sollten sich zeigen, und obwohl sie einen schwarzen Mitschüler rassistisch beleidigten, bevor sie ihn umbrachten: Harris und Klebold wollten nicht einzelnen Personen oder bestimmten Gruppen das Leben nehmen. Sie wollten die Schule vernichten, wenn sie schon für die Auslöschung der ganzen Welt nicht ausreichend ausgestattet waren. Sie handelten nicht im Affekt, sondern nach gut einem Jahr detaillierter Planung.

Unzählige Nachahmungstaten wurden seither gezählt, die letzte vor wenigen Tagen, als eine 18-Jährige Frau aus Florida mehrere Schulen im Umkreis von Denver, Colorado bedrohte – darunter auch die Columbine Highschool. Fast jeder der großen Massenmorde an öffentlichen Institutionen der USA lässt sich irgendwie auf die Ereignisse in Columbine zurückverfolgen. Seung-Hui Cho, der beim sogenannten Virginia-Tech-Shooting im Jahr 2007 32 Menschen tötete, verehrte die Schützen. Adam Lanza, der im Dezember 2012 auf dem Gelände einer Grundschule in Newtown, Connecticut Kinder und Erwachsene niederschoss, soll vom Columbine-Massaker geradezu besessen gewesen sein. Auch viele vereitelte Anschläge bezogen sich auf die Taten von Harris und Klebold. Am explizitesten wohl ein von drei Mitgliedern der TCC für den Valentinstag 2015 geplantes Massaker im kanadischen Halifax. TCC ist kurz für die Tumblr Columbiners Community, eine lose Gruppe von Menschen, die über das Blog-Netzwerk Informationen, Memes und wilde Fantasien zu Harris und Klebold miteinander teilen.

Mittlerweile existieren auf diversen Plattformen eine Reihe von Artikeln und sogar wissenschaftliche Aufsätze über die TCC, die den Kern der obskuren Gruppe zu erkunden versuchen. Das ist nicht so leicht, denn obwohl sich die Community vor allem durch Ausgrenzung definiert, sind die internen Diskrepanzen enorm. Eingefleischte Columbiners unterscheiden sich von Columbine-Interessierten, die ihrem generellen Interesse nach true crime nachgehen und sich ebenso mit dem Serienmörder Jeffrey Dahmer und ähnlichen Fällen beschäftigen. Was zählt, ist der Stoff und wie ergiebig er für die Analyse im Nachhinein ist. Obwohl Truman Capotes Tatsachenroman In Cold Blood über die Ermordung einer Kleinfamilie im Jahr 1959 für True-crime-Fans als Vorbild dient, geht es ihnen weniger um ein abgeschlossenes Narrativ, sondern vielmehr um eine sich immer wieder neu kalibrierende Interpretation dessen, was an Informationen vorliegt. Der Tumblr-Stream wird, anders als ein Roman, nie enden. Begrenzt sind nur die bekannten Tatsachen und die medialen Artefakte. Von denen gibt es zu Columbine aber reichlich. Dafür haben Harris und Klebold selbst gesorgt: mit Tagebucheinträgen, aber vor allem mit Videos.

Charme der Videotechnologie zur Jahrtausendwende

Die meisten der Fakten hat Dave Cullen zusammengetragen. Der Journalist war am 20. April 1999 selbst vor Ort und hat bis heute nicht aufgehört, sich mit dem Fall zu beschäftigen. 2009 erschien sein Buch Columbine. Darin hat er versucht, alle Fakten zusammenzuführen und daraus endgültige Schlussfolgerungen zu ziehen. In der TCC ist er wohl auch deswegen verhasst. Allein, der Versuch gelang nicht: Die erweiterte Neuauflage des Buchs erschien 2016 und enthält immer noch Fehler und wenig konkrete Einsichten. Selbst Cullen kann keine Antwort auf die dringendste aller Fragen geben. Er hat sich aber intensiv genug mit dem Nachfolgenden auseinandergesetzt, um zumindest ansatzweise erklären zu können, warum Columbine weiterhin ein Thema bleibt, bei copy cats, Tumblr-Kids und in der Pop-Kultur, die sich wieder und wieder mit Harris’ und Klebolds Taten auseinandersetzt.

Columbine, so Cullen, sei das erste Massaker seiner Art im Zeitalter des Mobiltelefons gewesen. Während sie sich selbst noch in der Schule und somit in unmittelbarer Gefahr befanden, schilderten die Betroffenen den Medien per Telefon ihre Situation. Noch bevor ein SWAT-Team das Gebäude betrat, war die Welt live dabei. Selbst die drinnen konnten von außen zuschauen: Über die Fernseher in den Klassenräumen, in denen sie sich verschanzt hatten, konnten die Eingeschlossenen zusehen, wie sich um ihre Highschool hunderte von Polizeikräften scharten. Die Bilder des 20. April 1999 gingen sprichwörtlich um die Welt, und sie taten es wortwörtlich in Echtzeit. Und sie wurden gespeichert und abrufbar gemacht. Sie eint der verflackerte Charme der Videotechnologie zur Jahrtausendwende.

„I’ll bet you’ve never seen the smile of a Savage Springfield 67H / With his blurry face and cracked voice gone through the VHS tapes“, singt Nicole Dollanganger in der letzten Strophe ihres Songs „Rampage“ vom Album Observatory Mansions von 2014. Eine Schrotflinte des Typs Savage Springfield 67H trug an jenem Dienstag auch Eric Harris mit sich. Zum Ende von Dollangangers getragenem Song, den sie mit kindlicher Stimme über melancholischen Orgeltönen vorträgt, werden Schütze und Waffe eins. Die Schrotflinte lächelt, sie spricht zu uns durch das VHS-Rauschen. Es sind Lyrics, die kongenial die unreflektierte, zum Teil überromantisierte und sogar sexualisierte Verehrung verarbeiten, mit der Harris und Klebold aus einer Ecke der TCC begegnet wird.

„Yeah, my baby has a baby but it’s not me / It’s an AK-47 semi-automatic gun and / He loves her more than he loves me“, heißt es im Refrain. Unterbrochen werden diese Zeilen nur von Samples aus Heimvideos, in denen Harris und Klebold die Rolle spielten, die ihnen am besten passte. „I don’t care what you say; if you ever touch him again, I will freakin’ kill you. I’m gonna pull out the goddamn shotgun and blow your damn head off“, schreit Harris im Kurzfilm Hitmen For Hire. Eine Männerfantasie, die bei den Columbiners zur Mädchenfantasie wird: Der, der sich in diesen Posen als Beschützer aufspielt, hätte selbst vor dem Bösen in der Welt beschützt werden müssen. Ein wiederkehrendes Motiv in der TCC ist die Stilisierung der beiden Täter als Opfer des grausamen Soziotops einer US-amerikanischen Highschool, in der die jocks mit den weißen Caps regieren.

Ein Ding, ein Bild, ein herrlicher Fetisch

In der vielfältigen Community der Columbine-Begeisterten wird dieser Topos vor allem von überwiegend weiblichen Teenies bemüht, die im Jahr 1999 noch nicht geboren waren. Mädchen, die homoerotische Fan-Fiction schreiben. Die Blumen und Herzchen auf Bilder von Harris und Klebold photoshoppen. Die sich nach kurzen Passagen aus den Tagebüchern der beiden benennen und zu Dylan Klebolds Geburtstag Vodka trinken, weil das sein Spitzname war: VoDKa. Die sich das KMFDM-Shirt mit dem Adios-Artwork kaufen, das am 20. April 1999 erschien, weil auf dem Rücken das nachträgliche Motto für Columbine steht – „Destroy What Destroys You“ – und weil KMFDM Harris’ Lieblingsband waren. Während alle Welt die Killer verstehen will, fühlen sie sich von den Killern verstanden. Sie eignen sich die popkulturellen Artefakte ihres Schaffens an und machen die Täter zu Fetischobjekten.

Harris und Klebold können im Tumblr-Stream und anderswo „kopiert, recycelt und wiedergeboren“ werden, wie die bildende Künstlerin Hito Steyerl das bezeichnen würde. Sie sind kaum mehr Subjekte, sondern vielmehr Objekte. „Ein Ding, ein Bild, ein herrlicher Fetisch – eine von Verlangen getränkte Ware, wiedererweckt jenseits des Mülls ihres eigenen Niedergangs.“ So charakterisiert Steyerl in der Analyse eines David-Bowie-Videos einen neuen Typus des Helden nach dem Jahr 1977. Ausgehend von Steyerls Essay A Thing Like You And Me (2010) nannte auch Franco ‚Bifo‘ Berardi sein 2015 erschienenes Buch über Massenmord und Suizid nach eben jenem Bowie-Song, der zwei Jahre vor „I Don’t Like Mondays“ erschien: „Heroes“. Pop-Kultur illustriert damit nicht mehr einfach nur in sinnlosen Songs sinnlose Taten, wie Bob Geldof noch zu verstehen gab. Sie wird vielmehr zum Interpretationswerkzeug derjenigen Paradigmenwechsel, die diese Taten in unserer Wahrnehmung zu etwas anderem machen: zu multimedialen, kopierbaren, recycelbaren Spektakeln in Echtzeit, aus denen sich weit mehr als ein Nummer-Eins-Hit machen lässt.

„Rampage“ ist nicht der einzige Song von Nicole Dollanganger, der sich explizit auf Columbine bezieht. Noch vor Observatory Mansions erschien 2013 die Columbine-EP. Das Cover ziert ein Tatortfoto, eines der zwei veröffentlichten Bilder, die die Leichen von Harris und Klebold zeigen. Ein Ding, ein Bild, ein herrlicher Fetisch. Columbine versammelt drei Cover-Versionen: zwei Songs von Marilyn Manson sowie Foster The Peoples „Pumped Up Kicks“. Manson lieferte für die stark christlich geprägte Gemeinschaft Littletons die schnellste Antwort auf die erste Frage nach jedem Massaker: Der „Antichrist Superstar“ wurde für die Taten zweier Teenager verantwortlich gemacht, die sich für seine Musik kaum interessierten. „Pumped Up Kicks“ hingegen erschien erst 2010. „You’d better run, better run, outrun my gun«, heißt es im Refrain. „Pumped Up Kicks« folgt einem ähnlichen Narrativ wie „I Don’t Like Mondays“ und zahlreiche der Erklärungsversuche aus der TCC. Manchmal geht es um Affekte, meistens aber um den ausweglos gewordenen Kampf gegen eine unverständige Gesellschaft, für die die Väter als Stellvertreter herhalten. „He’s gonna fight the good fight, the noble war“, besingt Dollanganger die lächelnde Schrotflinte.

Die Rezeption befruchtet sich selbst

Zwar sieht Dave Cullen in Harris und Klebold nüchtern einen Psychopathen und einen Depressiven, weite Teile der TCC erkennen in den Tätern aber noch viel mehr. Aus den vielen verbliebenen Bildern können sie sich ihr eigenes frei zusammensetzen. Die Columbine-Schützen hatten Nachruhm im Sinn und lieferten das Material dazu. „Regisseure werden sich um die Story prügeln“, prophezeite Klebold und wusste nur nicht, ob Steven Spielberg oder Natural-Born-Killers-Autor Quentin Tarantino den Zuschlag bekommen würde. Das war wenige Tage vor dem 20. April, als die beiden in einer Reihe von Videos ihre letzte Rolle spielten. Die Aufnahmen – halb Entschuldigung, halb Selbstglorifizierung – wurden als Basement Tapes bekannt, sie teilen sich diesen Namen mit einem Bob-Dylan-Album. Der Öffentlichkeit wurden sie nie zur Verfügung gestellt und angeblich 2011 vernichtet. Es bleibt ein Mythos, der nachwirkt.

Die Prügelei um die Story gewann Gus van Sant. Der Spielfilm Elephant kam 2003 als zweiter Teil seiner „Todestrilogie“ in die Kinos. Über 80 Minuten folgt die Kamera in langen Einstellungen den trivialen Geschehnissen eines normalen Schultags, bis die ersten Schüsse fallen. Elephant ist ein ruhiger Film, der nicht nach dem Warum fragt, aber sich zweifellos in die Reproduktion der Bilder einreiht und sie weitertreibt. Das Video zu Nicole Dollangangers „Rampage“ ist aus Elephant-Szenen zusammengeschnitten. Die Rezeption befruchtet sich selbst.

Die Geschichte von Columbine ist eine Geschichte über Medien und wie sich aus ihnen Helden kopieren, recyceln und wiederauferwecken lassen. Anhand von Tagebucheinträgen ebenso wie von rauschigen Sprach-Samples oder von den Filmbildern aus Elephant, denen Gus van Sant die Geschichte eines Selbstmörders wie Harris und Klebold folgen ließ: Seine Trilogie endete 2005 mit dem Biopic Last Days, der Geschichte von Kurt Cobains Suizid. Die Columbine-Schützen sind zu heroes geworden, in eine Reihe gestellt mit Idolen, die vor ihnen mittels Schallplatten den Kampf für das Gute führten. Sie haben damit an einem beliebigen Dienstagvormittag im Jahr 1999 das vollendet, was Brenda Ann Spencer 20 Jahre zuvor an einem Montag losgetreten hatte. Das Lächeln der Schrotflinte ist zum Popstar geworden.