150 Jahre Pop, Editorial zu SPEX #315

Spex #315 liegt ab dem 20. Juni am Kiosk. Max Dax gibt im Editorial einen Überblick über die Themen der aktuellen Ausgabe. Thomas Schönberger erinnert an den kürzlich verstorbenen Yves Saint Laurent.

 

Editorial Spex #315

Die Geschichte von Reggae, Dub und Dancehall ist auch eine Migrationsgeschichte von Jamaika nach UK

 

(Illustration: © Mario Koell / SPEX)

Seitdem Spex von Köln nach Berlin umgezogen ist, untersuchen wir Ausgabe für Ausgabe das vermeintlich paradoxe Phänomen der Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart. »How do you know all this?«, fragt der Dieb Neil McCauley (Robert De Niro) in dem Film »Heat« seinen an den Rollstuhl gefesselten Freund Nate, als dieser ihm einen Schaltplan präsentiert, mit dem die Sicherheitssysteme einer Bank überbrückt werden können. »It’s all up there in the air«, antwortet dieser und blickt nach oben, in den Himmel, der von Hochspannungsleitungen durchkreuzt ist. Auf das Innenleben einer Zeitschrift wie Spex übertragen, bedeutet dies, dass sich die Themen, die in der Luft liegen, nicht selten in den unterschiedlichsten Zusammenhängen manifestieren.

    Aufmerksame Leser werden bemerken, dass ein und dieselben Fragestellungen heftübergreifend, aber auch innerhalb einer Ausgabe immer wieder neu verhandelt werden. Ein Beispiel? In der sechsten Folge der Spex-Serie ›Kunstsprache‹ spricht Eva Jantschitsch, die unter dem Künstlernamen Gustav kürzlich auf Chicks On Speed Records ihr zweites Album »Verlass die Stadt« veröffentlicht hat, davon, wie demütigend es für sie war, als sie zu Beginn ihrer Karriere von den Mitgliedern ihrer ersten Band auf die Rolle der Sängerin zurechtgestutzt wurde – obwohl sie auch komponiert und getextet hatte.

    Als eine Reaktion auf dieses (männliche?) Verhaltensmuster wurde Jantschitsch zu Gustav und kann sich seitdem nicht mehr darüber beklagen, dass ihr je ein Credit vorenthalten wurde. Das entspricht eins zu eins der Geschichte von Sarah Assbring, ihres Zeichens alles bei El Perro Del Mar. Das Ein-Frau-Projekt ins Leben zu rufen, sei ihre »Antithese zu Jungs in Bands, die behaupten zu wissen, was gut ist und was nicht«, erklärt sie Gunnar Klack im Interview anlässlich der Veröffentlichung ihres hervorragenden neuen Albums »From The Valley To The Stars«.

    Ein wiederkehrendes Thema ist auch die Frage nach der Urheberschaft von Zitaten. Andreas Spechtl, Sänger der Wiener Band Ja, Panik, hat es bereits auf seinem zweiten Album bis zur Perfektion getrieben, Fundstücke, Treibgut, Zugeflogenes bis zur Unkenntlichkeit zu verändern und zu einem postmodernen Patchwork neu zu verfugen – auf der Basis eines Kunstbegriffs, der das ›Geniale‹ infrage stellt, den Akt des Findens mit dem Akt des Erfindens gleichsetzt.

    Nichts anderes tat Andy Warhol, als er 1969 seine Zeitschrift Interview Magazine gründete – und statt selbst verfasster Artikel ›bloß‹ Transkriptionen von Konversationen abdruckte, die er mit Stars jeder Kategorie führte. Das Gesagte wurde zum Diktat, vermeintlich bedeutungslose Gesprächsfetzen wurden zu Philosophie. In unserer Würdigung Warhols anlässlich seines achtzigsten Geburtstages erinnern wir daran, dass Methoden der Musik- und Kunstproduktion mitunter identisch sind – sowohl was den Formatsprung als auch was die in der Zwischenzeit verronnene Zeit anbetrifft: Die Gedanken, die sich durchsetzen, haben eine Kraft, die Erneuerung, Reinterpretation und Übersetzung in die Gegenwart überlebt.

    Genau das ist auch das Thema unseres sechzehnseitigen Specials über Reggae, Dancehall und Dubstep. Wir baten sechs Protagonisten der Szene, uns die Geschichte der karibischen Musik zu erklären – und inwiefern sie als Blaupause, als Nukleus der Clubmusik, von Hiphop bis Disco, angesehen werden kann. Die Erkenntnisse sind in ihrer Komplexität verblüffend – beweisen sie doch, wie die Migrationsgeschichte eines Musikstils zugleich eine Geschichte der Postmoderne erzählen kann.

    Max Dax

    PS: Yves Saint Laurent setzte das Lebensgefühl einer Gesellschaft um, in der das konservative Rollenmodel nach Kriegsende stark bröckelte. Ob Grande Dame oder Business-Managerin, das machte keinen Unterschied mehr. Kein Kleidungsstück manifestiert diesen Bruch exakter als YSLs klassischer Smoking für die Frau von 1971. Bevor er sein eigenes Haus gründete, arbeitete er bei Dior mit einundzwanzig als Couturier. Dort schaffte er zunächst die geometrischen Grundformen ab und befreite die Kostüme von Wattierungen und Versteifungen. Bei ihm verhüllte die abstrakte Form nicht mehr den Körper. Es war der Körper selbst, der die Form der Kleidung bestimmte.

    Seine Inspiration suchte er sich auf der Straße und nicht in der Oper oder im Theater, wie es in der französischen Mode seit Jahrhunderten Tradition war. Er erkannte die rohe Ästhetik britischer Rockbands. Daraus leitete er Anzüge für Frau und Mann ab. Die Hose so eng wie eine Jeans. Die Ärmel so eng anliegend wie bei den kurzen Lederjacken der Black-Panther-Mitglieder aus San Fransisco, deren coole Attitude damals um die Welt ging. In den Achtzigern setzte für Yves Saint Laurent die Stagnation ein, während Designer wie Giorgio Armani die Zeit für eine reaktionäre Rückbesinnung nutzten, die klaren Konturen gegen einen beigefarbenen Retrostil der dreißiger Jahre eintauschten. Erst später kehrte die von YSL geprägte Linie als eine Art International Style des Anzugs kraftvoll zurück: Seit Mitte der Neunziger zelebrieren die Firmen Prada, Gucci und Dior die Linie von Yves Saint Laurent – und das wohl auch in Zukunft. Am 1. Juni 2008 verstarb der Pate der Moderne mit 71 Jahren in Paris.

    Thomas Schönberger

Spex #315, ab dem 20. Juni 2008 am Kiosk. Abonnenten sind klar im Vorteil: schon fünf Tage früher hat man das aktuelle Heft samt beiliegender Spex-CD im Briefkasten, sechs Ausgaben, sechs Hefte und zwei exklusive Abonnenten-DVDs bekommt man schon ab 25 Euro. Deshalb: Spex abonnieren.

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