»Ich habe immer noch keine Ahnung, was ich tue« – »Kill Your Friends«-Autor John Niven im Gespräch

Am 18. März erscheint die schwarze Musicbiz-Splatter-Satire Kill Your Friends auf DVD. SPEX hat John Niven getroffen, Autor des gleichnamigen Bestsellers und des Drehbuchs sowie ehemaliger A&R-Manager, und mit ihm darüber gesprochen, warum das Leben im Musikgeschäft der Neunzigerjahre besser war, welche Vorteile man als Drehbuchautor hat und warum man Moritz Bleibtreu am besten einfach mal machen lässt.

 
John Niven, Ihr Buch Kill Your Friends basiert auf ihren ganz persönlichen Eindrücken und Erfahrungen im Musikgeschäft der Neunzigerjahre. Nun sehen auch Sie diese Erinnerungen 20 Jahre später erstmals in Bewegtbild auf der Leinwand. Bei all den exzessiven Partys, dem Trubel, dem Geld – Hand aufs Herz: Werden Sie da nicht manchmal nostalgisch und vermissen die alten Zeiten?
Ja, ich muss irgendwann 25 gewesen sein. Aber jetzt in den Vierzigern wäre es schwierig, wie damals Party zu machen. Beim Schreiben meines Romans hatte ich den Zeitplan von früher auf dem Tisch und da gab es jedes Wochenende eine Konferenz, ein Festival oder irgendwelche Bands, die man treffen musste. Das bedeutete immer drei Tage hartes Feiern und dann die ganze Woche arbeiten. Oft ging ich ohne Schlaf direkt ins Büro. Ja, ich werde nostalgisch, weil ich nicht mehr über diesen inneren Stamen verfüge. Aber ich wollte nie der Typ sein, der mit 40 eine schwarze Lederjacke trägt und immer noch hinten auf den Konzerten rumsteht.

Was hat sich verändert?
Heute ist es sehr schwer, seinen Lebensunterhalt im Musikgeschäft zu verdienen. Damals steckte dort unendlich viel Geld. Nur ein Beispiel: 1994 war ich 25 und verdiente mit meinem Job 30 000 Pfund pro Jahr. Das entspräche heute umgerechnet etwa 70 000 Euro. Wir waren sehr privilegiert.

Sie haben nie wirklich erklärt, wie sich Ihr Ende im Musikgeschäft zugetragen hat. Gab es ein entscheidendes Erlebnis, das zu Ihrem Ausstieg führte?
Nicht unbedingt eine große moralische Offenbarung, aber wenn man denkt: ich werde bald 40, fängt man an, die Dinge zu hinterfragen. Auf jeden Fall habe ich im Jahr 2002 eine große Abfindung bekommen und Kill Your Friends bereits in groben Zügen skizziert. Sicher hätte ich wieder einen Job im Musikgeschäft bekommen, aber dann hätte es fünf oder zehn Jahre gedauert, bis das Buch fertig gewesen wäre. Also dachte ich mir: Das Geld sollte zwei Jahre reichen, schreib das Buch! Es hat dann aber doch vier Jahre gedauert und gegen Ende war meine finanzielle Situation richtig beängstigend. Aber manchmal ist es einfach besser, alle Brücken abzureißen.

Sie haben erzählt, dass viele denken, Sie persönlich wären dem zynisch-degenerierten Hauptcharakter des Buches Steven Stelfox sehr ähnlich. Wenn man ihre Biografie allerdings genauer ansieht, erinnern Sie eher an die Figur Darrens, der mit viel Enthusiasmus aus der Indieszene kommt und sich dann stückweise an seine zynische Umgebung anpasst.
Ich denke, ich war ein Darren, der ein Stelfox wurde und es dann irgendwie schaffte, wieder ein Darren zu werden. Ich war anfangs sehr enthusiastisch im Bezug auf Musik. Doch dann fand ich mich plötzlich in dieser Major-Label-Kultur wieder, die sehr erfolgs- und geldorientiert ist. Wenn man jung ist und soviel Geld machen kann, ist diese Welt unheimlich verführerisch. Es fühlte sich ein bisschen so an wie bei Wolf Of Wallstreet. Aber das Musikgeschäft ist eben auch eine Sache für junge Leute – man handelt instinktiv, schlicht weil man etwas gut findet.

Manchmal ist es einfach besser, alle Brücken abzureißen.

Die Angst, genau diesen Instinkt zu verlieren, ist eine Haupttriebfeder für die Protagonisten in Kill Your Friends. An einer Stelle heißt es: Im Musikgeschäft ist Angst so omnipräsent, weil niemand die geringste Idee davon hat, was er eigentlich gerade tut. Hat sich diese Angst gelegt, seitdem Sie als Schriftsteller arbeiten?
Um bei der Wahrheit zu bleiben: Ich habe zwar gerade meinen siebten Roman fertiggestellt, aber immer wenn ich einen neuen anfange, habe ich keine Ahnung von dem, was ich tue. Sicher, technisch wird man notwendigerweise etwas besser. Aber ein Buch zu schreiben, fühlt sich immer noch sehr furchteinflößend an. Für mich war Leben immer ein Alles-auf-eine-Karte-Setzen.

Aber bestimmt war es für Ihre Arbeit als Schriftsteller von Vorteil, dass Sie als A&R-Manager schon mal auf der anderen Seite standen. Wussten Sie nicht, in Bezug auf Vermarktung etwa, welche Hebel die richtigen waren?
Um davon zu profitieren, hätte ich ein viel erfolgreicherer A&R-Manager sein müssen. Dann hätte ich sicher Coldplay und Muse unter Vertrag genommen, anstatt ihnen den Laufpass zu geben. Also ich war ja sehr schlecht. Sicher könnte man mutmaßen, was für Figuren der Markt gerade will. Viele Leute, die Schriftsteller werden wollen, versuchen auch zu erraten, was für ein Typ gerade gefragt ist – ein Alkoholiker vielleicht? Welcher Tick ist im Moment en vogue? Aber ich war nie in der Lage, das zu tun. Alle schreiben heute Selbsthilfebücher, aber ich wüsste nicht mal, wie ich damit anfange. Sie könnten mir eine Pistole an den Kopf setzen und ich würde es nicht hinkriegen. Ich kann nur in meinem Ton schreiben, und den würde ich als schwarz, komisch, erwachsen und sehr, sehr zynisch beschreiben.

niven1Filmstill aus Kill Your Friends

Den Mechanismen des Unterhaltungsmarktes sprechen Sie in ihrem Buch ja eine Art mythische Konnotation zu. Als einzige Gesetzmäßigkeit für Erfolg im Musikgeschäft wiederholen Sie aber das Mantra, dass Ambition wichtiger sei als Talent. Gilt das auch für die Schriftstellerei?
In einer Band kann man vergleichsweise faul sein, Partys feiern, rummachen. Aber ein Buch zu schreiben ist ein langes, und vor allem ein sehr einsames Unterfangen. Als Schriftsteller braucht man Disziplin. Das Leben eines Autors ist bestimmt durch Angst und Ambition. Man will sein Talent voll ausschöpfen und diesem Anspruch genügen, in seinem Schaffen als Autor Universelles zum Ausdruck zu bringen. Und zwar selbst dann, wenn man nur irgendeine abgefahrene Fiktion schreibt.

War das auch ein Grund, Kill Your Friends ins Kino zu bringen?
Wann bekommt man als Autor so eine Rückmeldung? Höchstens bei Lesungen. Aber dass ich mit 500 Leuten im Kino sitze und alle im richtigen Moment lachen – das kriegt man als Romanautor nicht. Trotzdem es ist die Hölle, Filme zu machen. Es kann fünf, zehn Jahre dauern und wenn man vorher wüsste, was da alles reinspielt, würde man nie einen Film machen.

Ich hätte ein viel erfolgreicherer A&R-Manager sein müssen. Dann hätte ich Coldplay und Muse unter Vertrag genommen, anstatt ihnen den Laufpass zu geben.

Sie haben auch das Drehbuch für Kill Your Friends geschrieben. Dabei scheint es tatsächlich so, als hätten Sie die Figur des Steven Stelfox nochmals hinsichtlich seiner sadistischen und perversen Züge zugespitzt. Das hat mich überrascht, weil einer der Hauptkritikpunkte am Buch war, dass der Protagonist Steven Stelfox sehr an Bret Easton Ellis‘ Figur des Patrick Bateman in American Psycho erinnere. Das trifft im Film nun eher zu als im Buch.
Das Problem kommt sicher daher, dass die Geschehnisse im Buch hunderte von Seiten haben, um sich zu ereignen. Im Film muss ich alles in eineinhalb Stunden kriegen. Im Buch geht es um Ausdehnung, um das Detail, Differenzierung. Im Drehbuch liegt der Fokus auf der Verdichtung. Dementsprechend kann ich verstehen, dass das etwas gewollt schockierend aussieht. Interessanterweise fanden aber die meisten Leute gerade das Ende am besten. Was war Ihre Lieblingsszene?

Meine Lieblingsszene war die Anfangssequenz, als der Hund das Kokain vom Designerschuh seines Herrchens leckt, das von oben herunterrieselt. Ich finde in diesem Bild steckt bereits die ganze Dynamik des Musikbusiness und sehr viel Humor. Sehr lustig ist auch Moritz Bleibtreus surrealer Auftritt als zwielichtiger, verdrogter Musikproduzent, der Stelfox den vermeintlichen Neunzigerjahre-Technohit »I Wanna Suck Your Dick« andreht.
Moritz Bleibtreu ist fantastisch. Obwohl es am Anfang ein Albtraum mit ihm war. Er hatte das Drehbuch nur überflogen und spielte dann jedes Mal komplett anders. Keiner wusste, was er als nächstes tun würde. Seine Hauptszene war komplett improvisiert, nichts von dem, was er gemacht hat – etwa, als er das Sofa vögelt – stand im Drehbuch. Aber es war einfach so lustig, dass der Regisseur ihn irgendwann einfach machen ließ, was er wollte. Und es hat geklappt: Er beherrscht die Szene total.

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