„Ich fühle mich ständig wie ein Eindringling“ – Tune-Yards‘ Merrill Garbus im Interview

Merrill Garbus (vorn rechts) / Foto: Eliot Lee Hazel

Das Jahr, in dem alles den Bach runterging, hat Tune-Yards-Gründerin Merrill Garbus damit verbracht, nicht auf ihr Handy zu gucken. Trotzdem liest sich die Themenliste ihres neuen Albums I Can Feel You Creep Into My Private Life wie ein Worst-Of 2017. Ein Gespräch über Zusammenhänge zwischen Macht und sexueller Gewalt sowie weiße und männliche Verantwortung.

Merrill Garbus, es gibt ein paar Momente auf dem neuen Album ihrer Band Tune-Yards, die man fast für EDM halten könnte.
Ja, weil wir auf Festivals regelmäßig von EDM-Acts übertönt und an die Wand gespielt werden. Daher entwickelte ich eine Abneigung gegen diese Musik. Dann dachte ich: Wenn sich andere Leute über Genres aufregen, mit denen sie nichts anfangen können, kommt mir das immer total idiotisch vor. So will ich nicht sein! Also habe ich mich in die Sache reingefuchst. Ich wollte herausfinden, was den Reiz an EDM ausmacht.

Und?
Es geht um Community. Um die Energie, die eine große Menschenmenge entwickeln, die Emotionen, von denen sie erfasst werden kann. Mit anderen Worten: um die gleichen Dinge, wegen denen auch ich Musik mache. Ich bin eher schüchtern und unbeholfen – es sei denn, ich stehe auf einer Bühne. Dann verliere ich meine Hemmungen. So ähnlich ist das wohl bei vielen EDM-Shows. Im Guten wie im Schlechten natürlich.

Die kollektive Energie kann schnell ins Negative umschlagen.
EDM ist oft jock music, wahrscheinlich weil ihr die thematische Tiefe fehlt. Und weil viele Drogen genommen werden. Manchmal ist es völlig in Ordnung, zu sagen: Tanzen! Jetzt und sofort! Die Texte der Tracks bestehen oft nur aus drei oder vier Worten. Daran wollte ich mich mit einigen meiner neuen Songs orientieren, aber zugleich versuchen, die wenigen Worte mit möglichst viel Bedeutung zu füllen.

Was das betrifft, hat es dieses Jahr nicht an Ansatzpunkten gefehlt. Können Sie das Thema nennen, das Sie am meisten umtrieb?
Keine Ahnung, der große weiße Schock? (lacht) 2017 war für einen Teil der weißen US-Bevölkerung auf eine Weise schockierend, die für Schwarze schlicht zum Alltag gehört. Ein Realitäts-Check. Als weiße Musikerin bin ich an der Frage verzweifelt, wie ich darüber singen soll. Es ist schwierig, die eigene Hautfarbe zu thematisieren, ohne tollpatschig rüberzukommen. Vor allem, wenn man weiß ist und sich bewusst, dass die eigenen Gedanken ein gewisses Publikum erreichen werden. Ich habe deshalb versucht, mich abzuschotten. Eine Regel im Studio war: keine Handys vor 16 Uhr!

Das geht doch gar nicht.
Es ist nicht so schwierig. Die Nachrichten sind ohnehin ein einziges weißes Rauschen. Sie verbreiten Angst und Schrecken, statt uns zu lehren, wie man in den USA zusammenleben – und überleben – kann. Unser neues Album ist sehr outspoken, aber eigentlich habe ich im letzten Jahr vor allem die Vorteile des Rückzugs für mich entdeckt.

„Wie die meisten Frauen haben wie ich ein Gespür dafür, was als dummer Witz gemeint und was wirklich gefährlich ist.“

Dabei scheint nicht der Rückzug, sondern das Eindringen ein Kernthema Ihrer Musik zu sein: Eindringen in fremde Kulturen und Lebenswelten, in die Privatsphäre anderer Menschen.
Ich fühle mich ständig wie ein Eindringling. Der Vorwurf der Cultural Appropriation begleitet mich seit Beginn meiner Karriere und niemand erhebt ihn so vehement gegen mich wie ich selbst. Es geht nicht darum, dass im Pop jeder jeden beklaut, das gehört dazu. Aber oft sind Macht- und Ausbeutungsstrukturen am Werk, die darauf basieren, dass wir unter weißer Vorherrschaft leben. Viele weiße Musiker spielen mit gezinkten Karten, ohne sich ihrer Vorteile bewusst zu sein. Sie nehmen und nehmen, tun aber nichts, um die vorherrschenden Machtstrukturen aufzubrechen. Ich versuche, mir das immer wieder bewusst zu machen, stoße aber auch an meine Grenzen.

Was heißt das konkret?
Auch ich bin mir meiner Privilegien nicht immer bewusst. Neulich habe ich mit einem Bekannten darüber gesprochen und ihm gesagt, dass wir trotz unserer offensichtlichen Missetaten auf dem Feld der Cultural Appropriation sehr viel Zuspruch erfahren. Er fragte: „Zuspruch von wem?“ Ich sagte: „NPR und so.“ Dann hat er mich ausgelacht. Elvis war vielleicht der Erste, der schwarze Musik für ein weißes Publikum bekömmlich aufbereitet hat. Er war immer noch radikal und sexuell, die Leute hatten Angst vor ihm. Aber sie konnten akzeptieren, was er tat, weil er sie verführte und weil er weiß war. Das ist die wahre, hässliche Geschichte des Rock’n’Roll – und das ist auch meine Geschichte. Was wir mit Tune-Yards machen, ist genau das Gleiche.

Sie sind Elvis!
(lacht) Ich bin eine weiße Frau, die mit souliger Stimme über nicht-weiße Kulturen singt. Das hat mir einen Vertrag bei einer tollen Plattenfirma und viel Lob eingebracht. Aber ist es auch okay? Ich habe keine Antwort darauf, ich versuche nur, es zu thematisieren. In den letzten zwei Jahren gab es tolle Alben von Beyoncé, Solange, Kendrick Lamar und Blood Orange, die aus einer explizit schwarzen Perspektive geschrieben waren. Also dachte ich: Warum sollte ich nicht ein Album über whiteness machen? Ist es vielleicht sogar meine Pflicht, das gleiche abgefuckte System, das diese Künstler angegriffen haben, aus meiner weißen Perspektive zu kritisieren? Vor allem, wenn ich Musik mache, die sich auf Hip-Hop, R’n’B sowie zahlreiche süd- und westafrikanische Stile bezieht? Viele schwarze Aktivisten, mit denen ich gesprochen habe, bestärkten mich darin. Sie sagten: „Wir brauchen mehr weiße Leute, die mit anderen Weißen reden.“ Wenn das peinlich und schmerzhaft wird – umso besser. So sollte es sein.

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