F.S.K. Akt, eine Treppe hinabsteigend

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Buback / Indigo / Finetunes — 11.05.12

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Justin Hoffmann hat sich die E-Gitarre wieder umgehängt. Akt, eine Treppe hinabsteigend heißt das neue – 16. oder doch schon 25.? – Album der Freiwilligen Selbstkontrolle, F.S.K., aus München. Musiziert wird mit Schlagzeug, Bass, Gitarre, Effektgerät, Tamburin, Händen und Stimmen, schön plastisch aufgenommen von Ted Gaier und Mense Reents. Der Beat ist langsam, die Musik pulsiert swingend, dynamisch, aus dem Beckenboden kommend vor sich hin. Sie folgt Mustern, die eher den seriellen Reihen von House gleichen als denen von Songs. Die Texte und Titel sind wie immer voller Anspielungen und erzählen doch Geschichten, repräsentieren konkrete Dinge, Emotionen, Haltungen und eben Akte. Meist sind das wunderbar knappe, humorvolle und ironische Poems mit überraschenden Zeilen, manchmal aber leider auch trockene postmoderne Kontextgeflechte, in denen Figuren nur nerdige Indizes bleiben.

   Der Plattentitel Akt, eine Treppe hinabsteigend spielt auf Marcel Duchamps Bild an, das eine Bewegung kubistisch in einzelne Momente aufsplittet. »Der Akt ist gleichsam ein politischer Akt. Ein Act up!, bei dem die Stiefel, die auf dem Cover zu sehen sind, auch schon mal zutreten können«, wird Thomas Meinecke im offiziellen Communiqué zitiert. Auf dem Cover des Albums ist das Foto einer Frau in Kleid und Stiefeln abgebil- det, der Mode nach zu urteilen aus den Sechzigern. Brust und Kopf sieht man nicht. Michaela Melián: »Genauer gesagt geht es um Beate Klarsfeld, die nach vorn geht und dem Kanzler eine Ohrfeige gibt.«

   Passend zur Nominierung von Klarsfeld als Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin durch Die Linke heißt das fünfte Stück dieses Albums Eine Ohrfeige für Kurt Georg Kiesinger. Es ist ein Instrumental voller satt quietschender, synthetisch rund anmutender Sounds, die man anfassen, wenn nicht gleich in den Mund stecken möchte. Sie sind über einer Schleife aus einem Riff und ein paar Takten Drum’n’Bass angeordnet – Funk der Menschmaschine.

   Nach all den Jahrzehnten entfaltet sich bei F.S.K. immer wieder aufs Neue die Eleganz der Punk-Attitude, es einfach zu machen. Eine Haltung, die F.S.K. seit 1980 wie kaum jemand in Deutschland auf immer wieder ähnliche, aber auch immer wieder andere Weise in die Tat umsetzen. Unvirtuous sein, mit Ideen, Referenzen, Arbeitsweisen spielen. Dinge, Instrumente, Sounds, Zeichen, Bilder, Rhythmen, Wörter miteinander in Beziehung setzen und mit simplen Mitteln hypnotische, sich tief im Raum zwischen zwei Boxen und zwei Ohren entfaltende Musik über die Möglichkeiten des Menschlichen machen. Die Wiederholung als das Schönste (aber alles andere als Unkomplizierte) in die Welt setzen.

   Am Tollsten ist es, wenn Michaela Melián singt. Es wird ja immer behauptet, Männer hätten es leichter, zu altern; als Menschen, als Künstler und auch als Popstars. Dabei haftet besonders den heterosexuellen Männern wegen ihres Status als Anhängsel in der Welt immer schon etwas Lächerliches an, und es besteht der Verdacht, dass sie nach ihrer Jugend nicht interessanter, höchstens klüger werden. Frauen dagegen werden, so scheint es, immer vielgestaltiger: »Erst fünftens bin ich hübsch oder hässlich«, singt Melián in Erykah sagt. Die Männer von F.S.K. wissen das. Sie singen wie Frauen in hohen Lederstiefeln. Das klappt manchmal gar nicht, oft aber sehr gut.

   Zu sehen ist das titelgebende Gemälde – nebst anderen Werken Duchamps – derzeit übrigens bis zum 15. Juli in der Ausstellung Marcel Duchamp in München 1912 im Münchener Lenbachhaus.

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